Susanne Viktoria Haupt
1. Mai 2020

Niemals leise!

Auch wenn wir uns heute nicht auf der Faust-Wiese zum traditionellen 1. Mai-Fest sehen können, heißt das nicht, dass das Kulturzentrum Faust den 1. Mai ausfallen lässt. Schaltet ein zum Faust TV-Spezial!

Das Kulturzentrum Faust liefert heute mit dem Format Faust-TV einen alternativen 1. Mai

Wie kann politischer Protest in Zeiten einer Pandemie aussehen? Diese Frage hat mich in letzter Zeit sehr oft beschäftigt. Demonstrationen im herkömmlichen Sinne dürfen und sollten gerade nicht sein. Das bedeutet aber nicht, dass der Protest auf einmal vollständig stumm geschaltet werden sollte. Es wurde nun oft gesagt, dass das Virus keinen Status kennt und sowohl arme, wie auch reiche Menschen treffen kann. Das stimmt schon, aber es bedeutet nicht, dass dadurch die berühmte Schere auf einmal verschwindet und wir uns in einem großen Meer grenzenloser Solidarität suhlen können. Die Verlierer*innen sind nämlich, wie so oft, genau jene Menschen, die ohnehin schon um ihre Existenz kämpfen müssen. Es sind zum Beispiel obdachlose Menschen, die keinen Zugang zu regelmäßiger Hygiene haben. Es sind Kinder in Familien, die in schulischer Hinsicht keinerlei Unterstützung erfahren, oder aber sogar zu Hause misshandelt werden. Es sind ältere Menschen, die über viele Jahre lang die Gesellschaft mitgetragen haben, aber nun, aussortiert durch das Renten-Dasein kaum noch Unterstützung erhalten. Und es sind natürlich auch gerade alljene, die auf der Flucht sind. Menschen in Lagern, die wir schon vor Corona alleine gelassen haben und die ohnehin unter menschenunwürdigen Zuständen in Unsicherheit verweilen müssen. Es sind Kinder, Mütter, Väter, Schwestern und Brüder, die durch fehlende Hygiene und chronischer Unterversorgung einem sehr hohen Risiko ausgesetzt sind. Gerade jetzt also, wenn alle von großer Solidarität sprechen, und sich die Menschen um 21 Uhr täglich zum Klatschen aus dem Fenster hängen, vergessen wir immer noch zu oft genau jene, die unsere Hilfe so nötig haben.

Das Virus beschneidet unweigerlich einen Teil unserer Grundrechte, nämlich das Versammlungsrecht. Ein wichtiger Eckpfeiler unserer Demokratie fällt damit weg. Die letzten Tage haben allerdings schon gezeigt, dass der Wegfall dieser einen Möglichkeit nicht bedeutet, dass man nun leise sein muss. Und es bedeutet auch nicht, dass neben dem Virus alle anderen Probleme der Welt auf einmal an Relevanz verloren haben. Krieg ist immer noch Scheiße und der Klimawandel immer noch keine Erfindung der linksgrün Versifften. In Hannover und auch in anderen Städten haben daher Teilnehmer*innen der Fridays for Future-Bewegung ihre Protest-Plakate wirksam vor den jeweiligen Rathäusern platziert. Wer nun meint, dass doch durch den eingeschränkten Flugverkehr die Luft doch schon so viel besser sei, der wird wohl kaum eine Ahnung davon haben, wie es in einer Zeit aussehen wird, in der der Virus unter Kontrolle gebracht wurde. Wer derzeit rausgeht, weiß genau, dass wir Menschen uns nur schwer an Verzicht gewöhnen können und nur zu gerne vergessen, dass aber manchmal genau der Verzicht besser für die Welt und die Menschheit wäre. Wie viele werden also bei der nächsten sich bietenden Möglichkeit wieder unbedarft ein Flugzeug besteigen, weil es nun wieder geht? Weil man sich nach „alledem“ doch nun wirklich einen Urlaub auf Bali verdient hat? Protest darf also keinesfalls aufhören. Gerade der 1. Mai als wichtiger Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse darf nicht im Nichts verschwinden. Nur, weil wir nicht zusammen auf der Faust-Wiese sein können, müssen wir nicht leise sein.

Das hat sich auch das Kulturzentrum Faust gedacht, weswegen es die Feierei zum 1. Mai dieses Jahr ins Netz verlegt hat und dabei weder mit starken Stimmen, noch mit einem starken Kulturprogramm geizt. Jeder sollte nun mal das tun, was er oder sie am besten kann. Eröffnet werden die heutigen Feierlichkeiten durch Ingrid Lange, die nicht nur Teil des Faust-Vorstands ist, sondern auch zehn Jahre lang als ehrenamtliche Bürgermeisterin tätig war. Das Line-Up der digitalen Musikbühne trumpft mit starken Acts auf, darunter Arrested Denial aus Hamburg, Passepartout aus Hannover und Wandering Souls aus Köln. Das Politische darf auch, oder gerade in diesem Jahr, keinesfalls fehlen. Dazu gehören Beiträge der Fridays For Future-Gruppe aus Hannover und der Young Amnesty Internationals aus der Landeshauptstadt. Genau wie bei den bisherigen Faust TV-Beiträgen wird es auch eine Talkrunde geben. Für heute sind dazu Ferdos Mirabadi (Forum der iranischen DemokratInnen und SozialistInnen), Felix Kostrzewa (Wissenschaftsladen Hannover), Rainer-Jörg Grube (Bezirksbürgermeister Linden-Limmer) und Stefanie Reich (ver.di Bezirk Hannover-Heide-Weser) geladen. Da auch der Poetry Slam nicht fehlen darf, schickt Hannover eine der bekanntesten Stimmen aufs Parkett. Tobias Kunze, den man nicht mehr erklären muss, wird seinem Ruf als kritischer Wort-Akrobat wie immer gerecht werden. Zum Abschluss kommt es um 21 Uhr dann nochmal richtig fett und zwar mit der hannoverschen Band Kettenfett. Für die kleine Mahlzeit zwischendurch sorgt die kulinarische Reise zu Pizza Günes. Pizza und Politik, zwei Wichtigkeiten mit P, die immer gehen. Auch während einer Pandemie.

Auch am diesjährigen 1. Mai sorgt also das Kulturzentrum Faust für ein abwechslungsreiches Programm. Umsonst, nur eben drinnen. Kultur geht aber nicht ganz ohne Knete und deswegen sind alle, die heute am Programm richtig Gefallen finden, herzlich dazu eingeladen, eine kleine Spende zu hinterlassen. Jeder Cent kommt dabei vollständig den Künstler*innen und dem Kulturzentrum Faust zu Gute. So schön die Gratis-Kulturangebote auch sind, davon leben kann auf Dauer leider niemand. Mehr Informationen zum Programm und den Link zum Spenden findet Ihr wie gewohnt auf derWebsseite des Kulturzentrum Faust.

Freitag, 1. Mai 2020:
Internationales 1. Mai-Fest, Live-Stream auf Faust-TV, umsonst und drinnen, Beginn: 19 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Pressefoto/Kulturzentrum Faust/Lisa Reß)

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Kategorien: Lokalitäten, Musik, Politik, Tagestipps

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