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Der mit dem Wind tanzt

Seitenansicht: „Mit dem Wind. Wanderungen vom Atlantik bis zum Mittelmeer“ von Nick Hunt

Glücklicherweise viel mehr als herkömmliche Reiseliteratur: Nick Hunts „Mit dem Wind. Wanderungen vom Atlantik bis zum Mittelmeer“

Menschen, die wirklich leidenschaftlich gerne einen Spaziergang antreten, sind mir per se schon einmal sympathisch. Das Laufen, das Spazieren, das Wandern, das Flanieren liegen mir selbst im Blut. Ich glaube zudem, dass man, je langsamer man vorankommt, desto intensiver die Umgebung und ihre Veränderungen auf der Reise wahrnimmt. Wer seine eigenen Füße als Transportmittel benutzt, erläuft sich ein Stück Freiheit. Auf Reisen erlaufe ich mir gerne Städte und Regionen. So wie der britische Storyteller und Reise-Journalist Nick Hunt. Für sein erstes Buch „Walking The Woods And The Water“ lief Hunt von Hook in den Niederlanden bis nach Istanbul. Acht Monate lang dauerte der etwas längere Spaziergang. Mit der literarischen Verarbeitung wurde er Finalist beim National Geographic Traveller Readers Awards, und die Financial Times nannte sein Werk „Book of the Year“.

Für sein neuestes Werk „Mit dem Wind. Wanderungen vom Atlantik bis zum Mittelmeer“, das im Gegensatz zu seinem Vorgänger ins Deutsche übersetzt wurde, hat Nick Hunt nun wieder die Wanderschuhe angezogen. Basis für die vier Wanderungen, die er in diesem Buch vorstellt, sind Winde. Ganz richtig gehört. Hier in Niedersachsen kennen wir natürlich auch Wind – und vor zwei Jahren fegte ein starker Sturm sogar Dachziegeln von den Dächern in Hannover-Linden. Aber es gibt hier nun mal nicht „diesen einen Wind“, dem wir Niedersachsen uns alljährlich beugen müssen. Die Rede ist im Falle von Hunt vom Helm, Föhn, Bora und dem Mistral.

Die Macht vom Mistral kenne ich persönlich besonders sehr gut. Für den Helm wiederum begibt sich Hunt zunächst in den Norden Englands. Zwar findet er bei dieser Wanderung nicht den sagenumwobenen Wind namens Helm, aber diese kleine Niederlage bettet er gekonnt in wunderschöne Landschaftsbetrachtungen, historisches und naturwissenschaftliches Wissen und Anekdoten von seiner Wanderung. Auch seine Begegnungen mit anderen wandernden Menschen finden ihren Platz. Anschließend reist Hunt weiter, um die anderen Winde einzufangen. Dabei bleibt er seinem Stil treu und mixt weiter naturwissenschaftliche Fakten mit Legenden und Anekdoten. Schnell wird klar, wie selbstverständlich diese großen Winde in der jeweiligen Region angenommen werden und wie sich unter anderem auch die Architektur diesen Mächten beugt.

Anders als beispielsweise oberflächliche Reise-Blogger*innen sucht Hunt auch immer wieder das Gespräch mit Einheimischen. So entsteht zwar nicht zwangsläufig ein Reise-Panorama über die jeweiligen Gegenden, aber über die Auswirkungen der Naturgewalt Wind. Die Idee, ganze Regionen im Hinblick auf den Einfluss des Windes hin zu bereisen und zu betrachten, ist eine gelungene Abwechslung im Bereich der Reise-Schriftstellerei. Diese Betrachtungen hätte allerdings bei aller Liebe nicht so gut funktioniert, wenn in Hunt nicht tatsächlich ein versierter und origineller Storyteller stecken würde, der wahrscheinlich sogar jene Menschen bestens unterhalten kann, die sich ansonsten für Wind nicht einen Hauch interessieren. Für kommende Reisen in der derzeit weit entfernten Zukunft ist es ab sofort auch ein Muss, bereits vorab den Einfluss charakteristischer Wetterlagen für die Region und ihre Einflüsse zu recherchieren. Spannend ist das allemal, so wie bei Nick Hunt und seinem Buch „Mit dem Wind. Wanderungen vom Atlantik bis zum Mittelmeer“.

Nick Hunt: „Mit dem Wind. Wanderungen vom Atlantik bis zum Mittelmeer“, Übersetzung von Leon Mengden, 416 Seiten, btb Verlag, ISBN-13: 978-3442758449, 22 Euro

(Foto: Buchcover)

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