Susanne Viktoria Haupt
5. Mai 2020

Wandlungen

Ohne Publikum, aber mit literarischem Anspruch: Das Literaturhaus Hannover stellt ein Gespräch mit Ingo Schulze zu seinem neuen Roman online

Vom intellektuellen Antiquar zum Rechtsradikalen auf 320 Seiten: „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze, Buchcover

Ingo Schulze gehört zu den wichtigsten und berühmtesten Schriftstellern Deutschlands. Mit seinem letzten Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ hat er einen Coup hingelegt, der nicht nur begeistert, sondern vor allem durch seine Wendungen und Brisanz auffällt. Norbert Paulini lebt in Dresden und führt mit den Internet-Riesen im Nacken ein gutsortiertes Antiquariat, in dem die Zeit ab und an ein wenig stehengeblieben zu sein scheint. So auch die Sprache von Autor Ingo Schulz, die sich vor allem einem alten Klang bedient und damit längst vergessene Tage herrauf beschwört. Aber hinter der Fassade des einst so klugen Buchhändlers brodelt rechtsradikales Gedankengut. Schulze deckt auf. Wie konnte aus einem einstigen Intellektuellen ein Rechtsradikaler werden? Was muss passieren, damit sich solch eine Verwandlung vollzieht? Ist der einbrechende Kapitalismus in das ehemals sozialistische System der DDR der Auslöser? Hat Paulini zwischendurch die Literatur verloren und einen vermeintlichen Sinn in kruden Weltbildern wiedergefunden? Mit dieser ungewöhnlichen Biographie hat Ingo Schulze es dieses Jahr auf die Liste für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft.

Normalerweise ist es kaum noch möglich, einen Platz zu ergattern, wenn Ingo Schulze liest. Egal, ob in Dresden, Berlin oder Hannover. Durch die Pandemie bleiben die Ränge allerdings leer. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir auf eine Lesung von Schulze verzichten müssen. Auch das Literaturhaus Hannover hat sich dazu entschieden, unter dem Hashtag #systemrelevant online zu gehen. Und wer, wenn nicht langeleine.de sieht die Kultur ebenfalls als systemrelevant? Immerhin können wir heute zumindest eine Online-Lesung von und mit Ingo Schulze sehen und das Gespräch zwischen ihm und dem ehemaligen Leiter der Literatur-Redaktion von NDR Kultur, Stephan Lohr, verfolgen. Das alles ist natürlich kein vollständiger Ersatz für eine Lesung mit vor Publikum. Aber genau solche Formate zeigen uns, was fehlt, was wichtig ist, was notwendig ist. Es zeigt uns, was Kultur wirklich bedeutet. Austausch, Präsenz, Nahbarkeit. Zu sehen sind die Lesung und das Gespräch ab heute Abend um 19:30 auf der Webseite des Literaturhaus Hannover.

Dienstag, 5. Mai 2020:
#systemrelevant, Ingo Schulze liest aus „Die rechtschaffenen Mörder“, Online-Lesung, www.literaturhaus-hannover.de, Beginn: 19.30 Uhr

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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