Susanne Viktoria Haupt
18. Mai 2020

Falsch abgebogen

Seitenansicht: „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné

Ein Debüt, das seinem Potential leider nicht gerecht wird: Adeline Dieudonnées „Das wirkliche Leben“

Vergangenes Jahr kaufte ich mir den Roman „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Eine Mischung aus Freundschaftsgeschichte und posttraumatischer Belastungsstörung. Während viele Bekannte sich freuten, dass ich endlich auch zu Yanagihara gefunden hatte, war ich fürchterlich enttäuscht von diesem Roman. Plakativ wie eine „Bild“-Zeitung, der Traumatisierte ewiglich, und vor allem freiwillig in seiner Opferrolle verharrend, das emotionale Spektrum so authentisch wie Wahrsagen aus dem Kaffeesatz. Nach der Hälfte legte ich den Roman wieder zur Seite. Ich hatte nichts für ihn übrig. Durch einen Newsletter des Institut français wurde ich dann kürzlich auf das Debüt der Belgierin Adeline Dieudonnée aufmerksam. „Das wirkliche Leben“ hatte bereits im vergangenen Jahr ganz Frankreich in Atem gehalten und 17 Literaturpreise absahnen können. Das klang vielversprechend.

Im Zentrum von „Das wirkliche Leben“ steht ein namenloses Mädchen, dass gemeinsam mit seinem Bruder und der schweigsamen Mutter unter den Gewaltausbrüchen des Vaters leidet. Zunächst bekommt nur die Mutter die kaltblütige Gewalt des Vaters zu spüren. Die Kinder werden von dem herrischen Patriarchen ignoriert, oder einfach nur beleidigt. Die Mutter ist mittlerweile so von den Misshandlungen eingeschüchtert und seelisch zerstört worden, dass sie kaum noch wie ein richtiger Mensch wahrgenommen werden kann. Ihre Zeit verbringt sie möglichst mit Tieren, statt mit anderen Menschen. Ein Paradoxon, steht der Vater doch vor allem auf die Jagd und sammelt seine Trophäen in einem eigens dafür eingerichteten Raum. Für ihre Tochter ist die Mutter eine Amöbe. Formlos, nichtssagend. Eines Tages jedoch ereignet sich die große Tragödie. Während das Mädchen und ihr kleiner Bruder ein Eis kaufen wollen, explodiert die Sahne-Maschine und zerfetzt dem lieben Eismann das Gesicht. Er stirbt vor den Augen der Kinder und hinterlässt ein tiefes Trauma. Das Lachen ihres kleinen Bruders, an das sich das Mädchen bisher immer geklammert hatte, verstummt.

Was nun folgt, ist eine Mischung aus Unsinn und dem krampfhaften Versuch, aus der tragischen Geschichte eine feministische Story zu konstruieren. Das Mädchen versucht nun händeringend, eine Zeitmaschine zu bauen, um das Unglück des Eismanns, und somit auch den Verlust des Lachens ihres Bruders rückwirkend zu verhindern. Dafür liest sie sich in sämtliche physikalische Theorien, die mit Zeitreisen in Verbindung stehen und wird zu einem waschechten Genie in Sachen Naturwissenschaften. Das klingt plausibel, gar nicht so abwegig und sogar sehr tröstend. Auch der Umstand, dass ihr kleiner Bruder beginnt, ein gewalttätiges Verhalten gegenüber Tieren zu entwickeln, erscheint im Kontext der Geschehnisse und Erlebnisse als erklärbar. Verstörend sind allerdings die weiteren Erzählstränge. Von ihrem Lehrer wird das Mädchen zu einem pensionierten Universitätsprofessor geschickt, der natürlich eine Frau mit tragischen Hintergrund hat. Diese trägt auf Grund eines verstümmelten Gesichts stets eine Maske und kann nicht sprechen. Desweiteren beginnt das Mädchen, als Babysitterin zu arbeiten, um die Nachhilfestunden ihres Professors zu bezahlen. Im Alter von etwa 14 Jahren entdeckt sie ihre Gefühle für den Vater der Familie, der als Kampfsportler tätig ist. Was wie eine nette Pubertätsschwärmerei erscheinen könnte, wird allerdings zu einem narrativen Desaster, da der erwachsene Mann sich tatsächlich auf die Minderjährige einlässt und offenbar keinerlei Impuls-Kontrolle besitzt.

Das Mädchen erkennt nun im Aufflammen ihrer jugendlichen Sexualität die wahre Macht ihres Daseins. Wie ein Tier spürt sie das Begehren, das Verlangen, die Kraft in ihrem Unterleib, die sie dazu befähigt, ihrem gewalttätigen Vater die Stirn zu bieten. Die Geschichte endet mit einer Wiedervereinigung der Geschwister und einer finalen Stellungnahme der Mutter. Der Vater wird zerschossen weggekarrt, Konsequenzen gibt es natürlich keine und alle sind frei.

Was von anderen Rezensent*innen bereits wohlwollend als „Trash“ bezeichnet wurde, würde ich als „falsch abgebogen“ bezeichnen. Der szenische Charakter, der dem Roman nachgesagt wird, funktioniert zu Beginn der Geschichte, als sie noch recht oberflächlich bleibt. Sobald Dieudonnée allerdings mit mehreren heißen Eisen zu hantieren beginnt, wirkt das Szenische fahl, aufgesetzt und auch nicht mehr authentisch. Es scheint fast so, als ob der Roman bewusst provozieren will, allerdings keinerlei Munition dafür besitzt. Die Liason zwischen dem Mädchen und dem Nachbarsvater hat nicht den positiv verstörenden Charakter von Nabokovs „Lolita“, sondern verleitet eher zu der Annahme, dass hier ein vom Mädchen unbewusstes Missbrauchsverhältnis hergestellt wurde. Die weibliche Kraft, die das Mädchen in sich findet, wird einzig und allein auf den sexuellen Bereich reduziert und pulsiert wie eine Fehlinterpretation des Feminismus durch die letzten Kapitel des Romans.

Trash kann gut sein, aber eben auch völlig daneben gehen. Vor allem dann, wenn der Inhalt einer Story eigentlich großes Potential mit sich bringt. Das bedeutet nicht, dass auch solchen Themen eine abgedrehte Note nicht gut tun würde. Wer sich aber, wie Dieudonnée, so völlig im Wald der Möglichkeiten verläuft, und nur oberflächlich reißerisch agiert, kann keinesfalls, wie bisher geschehen, mit einem Stephen King oder einem Alfred Hitchcock verglichen werden. Schade ist es, denn die Literaturwelt hätte sich sicherlich über eine weibliche Heldin gefreut, die sich in jungen Jahren schon von der patriarchalen Gewaltwelt ihres Vaters emanzipiert und dabei auch Tiefgang beweist. So ist und bleibt „Das wirkliche Leben“ aber ein oberflächliches Spiel mit Stereotypen, das leider nicht mehr kann, als ein bisschen ins Blaue zu provozieren.

Adeline Dieudonné: „Das wirkliche Leben“, Übersetzung von Sina de Malafosse, 240 Seiten, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN-13: 978-3423282130, 18 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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