Susanne Viktoria Haupt
11. Mai 2020

Nur zwei Begriffe?

Das Lodderbast zeigt heute mit der Online-Premiere von Janina Quints „Germans & Jews“ einen wichtigen Dokumentarfilm über das jüdische Leben in Berlin

Eindringlich, vielseitig und stimmgewaltig: der Dokumentarfilm „Germans & Jews“ von Janina Quint

Ich erinnere mich noch gut daran, als ich 2016 in London unterwegs war, um mich mit einer Freundin zu treffen. Durch Zufall durchquerte ich auf meinem Weg das Viertel Stamford Hill, das von rund 30.000 chassidischen Juden bewohnt wird. Es mag jetzt komisch klingen, aber ich hatte so ein Viertel zuvor noch nie erlebt. Es war auch nicht im Ansatz mit dem Viertel Marais in Paris zu vergleichen. Meine Freundin meinte dann treffsicher, dass das ja auch klar sei. Ich käme schließlich aus Deutschland. Und sie hatte damit vollkommen recht. Der Holocaust hat allein sechs Millionen jüdische Opfer zu beklagen. Diese Zahl können wir auch nach über 70 Jahren nicht wegwischen und das sollten wir auch nicht. Jüdisch und deutsch, das sind zwei Begriffe, die man ohne den grauenvollen Hintergrund kaum über die Lippen bekommen kann. So erging es auch der Regisseurin Janina Quint. Während Tocotronic einst behaupteten, dass man über Sex nur auf Englisch singen kann, war es für Quint so, dass die beiden Begriffe „jüdisch“ und „deutsch“ im Doppelpack in der deutschen Sprache nicht denkbar waren.

Vergangene Woche erinnerten viele sich anlässlich des 75. Jahrestags an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Vorletzte Woche beklagte Gil Ofarim in der Talkshow „Käpt’ns Dinner“ bei Michel Abdollahi, dass der Antisemitismus in Deutschland nie wirklich weggewesen sei. Eine Präsenz, die man sich wirklich nicht wünscht. Janina Quint brachte für ein klärendes Gespräch mehrere jüdische und nichtjüdische Deutsche in New York zu einem Dinner zusammen und hat diese Sequenzen nun für ihren Film verwandt. Außerdem zu Wort kommen Sänger Herbert Grönemeyer, Filmproduzentin Tal Recanati, Schriftsteller Rafael Seligman und der Holocaust-Forscher Dr. Fritz Stern.

In der Dokumentation geht es allerdings nicht nur um die grobe Beziehung von jüdischen und nichtjüdischen Menschen in Deutschland, sondern vor allem um die stetig wachsende jüdische Gemeinschaft in Berlin. Wie sicher fühlt man sich als jüdischer Mensch in Berlin und kann Berlin überhaupt wieder zum Zuhause werden? Kann uns diese Entwicklung das Grauen vergessen lassen, oder ist diese Entwicklung vielleicht nur möglich, weil wir dem Grauen einen festen Platz in der Erinnerungskultur eingeräumt haben?

Das Lodderbast-Kino zeigt heute die Online-Live-Premiere von „Germans & Jews“ – wie gewohnt auf der Homepage des Kinos. Im Anschluss wird eifrig mit Regisseurin Janina Quint im Stream diskutiert. An dieser Stelle seid natürlich auch Ihr wieder alle gefragt. Sei es in Form von Beiträgen im Stream-Chat oder aber in Form von finanzieller Unterstützung durch eine kleine Spende.

Montag, 11. Mai 2020:
„Germans & Jews“, Dokumentarfilm von Janina Quint, USA 2016, 76 min., OmU, mit anschließenden BasTalk mit Regisseurin Janina Quint, Beginn: 20 Uhr, lodderbast.de

(Foto: Filmplakat)

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Kategorien: Film, Politik, Tagestipps

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