Susanne Viktoria Haupt
12. Mai 2020

„Wo kommst Du her?“

Olivia Wenzel schreibt und spricht über Rassismus. Nicht, weil sie will, sondern weil sie muss. Heute ist sie mit ihrem Debüt „1000 Serpentinen Angst“ auf dem Instagram-Account des Literarischen Salons zu sehen

Ein Debüt, wie ein Faustschlag in die Magengrube: „1000 Serpentinen Angst“ von Olivia Wenzel

In den vergangenen Jahren wurde eine Frage häufig diskutiert: „Wo kommst Du her?“. Was für die einen ein simples Anzeichen von Interesse ist, kann bei hochfrequentierter Konfrontation nerven und immer wieder das vermeintlich „Andersartige“ herausstellen. Und nicht selten hat diese Frage auch einen rassistischen Hintergrund. Es ist kein Geheimnis, dass viele Menschen nach wie vor glauben, dass es so etwas wie ein territoriales Geburtsrecht gibt. Dass uns unsere Herkunft zu irgendetwas macht, was unseren Wert als Mensch beeinflusst. So lange diese Denkweise noch in den Köpfen der Menschen verankert ist, so lange wird diese Frage gerade von People of Colour selten als bloßes Interesse ohne bitteren Beigeschmack aufgefasst. Die Frage „Wo kommst Du her?“ macht nämlich einiges mit einem Menschen. Es impliziert dem Menschen stets, dass er doch woanders herzukommen hat. Dass er nicht so aussieht, als sei dies hier sein rechtmäßiger Platz. Autorin Olivia Wenzel hat damit allerhand Erfahrungen gemacht. Wenzel wurde 1985 in der DDR geboren und ist eine Person of Colour. Rassismus ist ihr täglicher Begleiter, auch wenn sie sich davon nicht den Optimismus nehmen lassen will.

In „1000 Serpentinen Angst“ schickt sie eine Protagonistin auf die Reise, die zwar kein Ebenbild ist, aber dennoch ähnliche Erfahrungen macht und die Welt aus einem ähnlichen Blickwinkel sieht. Nämlich aus der Position einer weiblichen Person of Colour, die ihre Wurzeln in der DDR hat und in die Welt hinausgezogen war, um mehr zu sehen und zu erleben. Vielleicht auch Besseres. So stößt sie im Zuge dessen auf die unterschiedlichsten Entwicklungen, die nach rechts gehen. Trumps Wahlsieg 2016 in den USA, der ein Land zum Inbegriff des alten, weißen Mannes machte. Aber auch der Rechtsruck in Deutschland und anderswo zwingt die Protagonistin immer wieder, mit einer unbekannten Stimme in den Dialog zu treten. Was bedeutet Identität – und ist jede Identität auch in der Gesellschaft gleichgestellt? Was macht diese Angst mit mir und wie kann ich ihr am besten begegnen? Hilft es, wenn man an eine Welt ohne Rassismus glaubt? Und wie viel Wut produziert Rassismus auf der anderen Seite? Zwischendurch lässt Wenzel ihre Figur wieder tief in die eigene Vergangenheit eintauchen. Auf Spurensuche nach dem, was man Wurzeln und Identität nennt. Und auch nach dem, was sich viele wünschen: Freiheit.

Olivia Wenzel sollte ursprünglich heute im neuen Format des Literarischen Salons in einer WG lesen. Um trotz der Pandemie ihren Worten einen Raum zu geben, wird die Lesung ab 20 Uhr im Live-Stream auf dem Instagram-Account des Literarischen Salons stattfinden. Dort wird Olivia Wenzel aber nicht nur Auszüge aus ihrem Roman lesen, sondern auch mit Multitalent Denise M’Baye im Gespräch sein. Eine starke Veranstaltung für ein Debüt, dass viele Kritiker*innen zu Recht von den Socken gehauen hat.

Dienstag, 12. Mai 2020:
„1000 Serpentinen Angst“, Online-Lesung mit Olivia Wenzel, im Gespräch mit Denise M’Baye, Beginn: 20 Uhr, Live auf dem Instagram-Account des Literarischen Salons Hannover

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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