Swantje Friedrich
22. Juli 2010

Jeder Satz ein Mikrokosmos

Der Verlag Motu One veröffentlicht den ersten Twitter-Roman und verbindet das gute alte Format Buch mit den neuesten Medien

Corinna Luedtke

Zwischen Altbewährtem und neuen Innovationen: Motu One-Verlagschefin Corinna Luedtke

Im hektischen Treiben des World Wide Web gibt es neuerdings ein kleines literarisches Eiland zu entdecken. Wo man sonst eher geistige Schnellschüsse in der Art “war gerade essen, geh’ jetzt shoppen” erwartet, finden sich seit Anfang Mai Tweets der etwas anderen Art. “Ich mag alle Menschen, die ein wenig verzweifelt sind, und Kawaka mit seinen Ärmelschonern schien mir besonders verzweifelt zu sein”, steht da beispielsweise am 5. Mai um 18 Uhr – dann kommt eine Stunde lang gar nichts. Erst um Punkt 19 Uhr erfährt der Leser, wie es mit dem verzweifelten Kawaka weitergeht. Bleibt er der Twitter-Webseite treu, so kennt er in einem Jahr die Geschichte eines ganzen Romans. Mit der häppchenweise stattfindenden Veröffentlichung seines neuen Werkes “Im Schatten des Flügelschlags” rührt der hannoversche Autor Marcel Magis eine innovative Werbetrommel, die auch von Leuten gehört werden könnte, die schon länger kein gedrucktes Buch mehr in der Hand hatten. Im Herbst erscheint der Roman als Gesamtausgabe bei Motu One, einem jungen Verlag aus Laatzen, in dessen Geschäftskonzept sich die Twitter-Aktion bestens einfügt.

E-Book kann auch eine Chance sein

Seit der Verlagsgründung Ende 2009 setzen Inhaberin Corinna Luedtke und ihr Kollege Marcel Magis auf die Verbindung von klassischen und neuen Medien: Neben den gedruckten Formaten bringen sie vor allem elektronische Veröffentlichungen auf den Markt. Auch Magis’ Roman “Im Schatten des Flügelschlags” wird nicht nur auf Papier erhältlich sein, sondern zudem als E-Book-Version für iPhone, iPod touch und iPad. “Bisher fürchten etliche Verlage eine Kannibalisierung der Buchverkäufe durch das E-Book, ich sehe eher die Chancen”, so beschreibt Luedtke ihr Konzept, mit dem sie hofft, neue, insbesondere jüngere Zielgruppen für die anspruchsvolle Literatur begeistern zu können. Der große Vorteil von E-Book-Plattformen, wie Apples App Store, besteht darin, dass sie es ermöglichen, Buchprojekte, die ansonsten nicht realisierbar gewesen wären, einem internationalen Publikum kostengünstig anzubieten. Dies nutzt die Verlegerin nicht nur, um unbekannte moderne Literatur einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen – ihr liegen auch die Werke verfemter und vergessener Autoren am Herzen. Demnächst werden unter anderem homoerotische Gedichte des von den Nazis verfolgten Kurt Hillers im App Store erhältlich sein – sie können dann bequem auf dem iPhone gelesen werden, während man auf den Bus wartet.

Die neuen Medien nutzen, ohne an Qualität zu verlieren

Erhebliche Einschränkungen im Lesekomfort müssten bei den elektronischen Formaten nicht in Kauf genommen werden, findet Luedtke, “denn es werden die gleichen Qualitätsanforderungen gestellt wie an herkömmliche Bücher. Motu One setzt jede Seite neu, angepasst an das Bildschirmformat.” Dennoch sollen die E-Books das herkömmliche Buch auf keinen Fall verdrängen. Die Verlegerin hängt am “guten alten Papierbuch” und bringt ab Sommer/Herbst 2010 auch ein erstes gedrucktes Buchprogramm auf den Markt. Die Zeichen der Zeit erkennen und sich diese für den Literaturbetrieb zu Nutze machen – in diesem Sinne ist auch Marcel Magis’ Internetprojekt zu verstehen. Mit seinem in der deutschen Literaturlandschaft einzigartigen Twitter-Roman nutzt der Autor die Möglichkeiten von Internet und multimedialen Plattformen, um Leser zu gewinnen. Dabei dient seine Arbeit aber durchaus auch der kritischen Hinterfragung moderner Mediennutzung. “Auf Internetplattformen wird in kürzesten Abständen so viel belangloses Zeug fabriziert, dass man mein Projekt sehr wohl als Spitze gegen Twitter betrachten kann”, so Magis.

Ein Gefühl für Langsamkeit

Normalerweise braucht man für die Lektüre eines Romans einige Stunden. Doch wer sich auf der Website www.twitter.com/fluegelschlag befindet, muss sein Lesetempo notgedrungen drosseln. Bei einer Veröffentlichungsgeschwindigkeit von einem Tweet pro Stunde wird jeder Satz zum “Mikrokosmos”, der Leser bekommt ein Gefühl für Langsamkeit vermittelt, wie es im kurzlebigen Medium Internet ansonsten selten der Fall sein dürfte. Bleibt noch die Frage, worum es in dem Buch eigentlich geht. Nur so viel sei verraten: Es ist die Geschichte einer Selbstfindung, geschrieben im Stil eines “magischen Realismus”. Wem das zu vage ist, der kann sich selbst ein Bild machen. Ob per Mausklick oder mithilfe eines anderen Mediums – genügend Möglichkeiten dürften vorhanden sein.

(Foto: Pressefoto)

Dieser Artikel erschien im Stadtkind, Ausgabe Juli 2010

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Kategorien: Literatur

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