Marcel Seniw
22. Mai 2020

Der verspätete Re-Start von Hannover 96

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Auswärtsspiel beim VfL Osnabrück

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Hannover 96 muss wieder ran, doch es bleiben Zweifel an der Fortsetzung der Saison

Nach 77 Tagen meldet sich auch Hannover 96 an diesem Wochenende zurück aus der Corona-Zwangspause. Eigentlich hätte bereits am vergangenen, historischen ersten kompletten Geister-Spieltag in der Geschichte des deutschen Fußballs die Partie gegen Dynamo Dresden angestanden, doch irgendwie schloss sich hier ein Kreis: Hannover hatte mit Timo Hübers den ersten positiv auf das Virus getesteten Spieler bundesweit melden müssen, und Dresden ist das erste Team, dass geschlossen in Quarantäne gehen musste aufgrund positiver Tests im streng reglementierten Vorfeld der Partie. Das Spiel musste somit abgesagt werden, als Nachholtermin steht nun der 3. Juni fest – wenn denn alle gesund bleiben.

Geld geht vor

Denn auch bei leeren Stadien gilt: Halten sich die Profis nicht an die im Vorfeld klar definierten Regeln oder sollten sich weitere Profis infizieren, dann könnte doch noch die komplette Absage des Liga-Betriebs folgen. So wirklich glaube ich nicht an dieses Szenario, nach all dem Mimimi der Bundesligisten, wie schlecht es doch um so viele Klubs stünde. Aber gut, Geld geht vor – und jeder kleine Arbeiter, Freiberufler, Selbstständige oder gar in die Arbeitslosigkeit gedriftete Mensch in Deutschland, Europa und der Welt muss sich doch freuen, dass es jetzt endlich die Bundesliga-Konferenz wieder gibt – kostenlos im Free-TV…

Es gibt Unterschiede

Nicht falsch verstehen: Auch am Fußball hängen viele Jobs und auch dort wurde beziehungsweise wird mit Kurzarbeit die Lage überbrückt. Doch im Free-TV konnte letzte Woche dann jedenfalls theoretisch das gesamte Land sehen, dass es so manch erwachsener Mensch nicht schafft, sich an einfachste Regeln zu halten – Torerfolg hin oder her: Abknutschen stand wahrscheinlich ganz oben auf der Liste der Dinge, die man eben nicht machen sollte in der aktuellen Lage. Dass es sich dabei ausgerechnet um den HSV 2.0, also um Hertha BSC Berlin, handelte, einen Verein, der sich nach der Klinsmann-Affäre mit dem Kabinen-Gate um den danach suspendierten Whistleblower Salomon Kalou nochmal ordentlich in die Schlagzeilen brachte, passte in das chaotische Bild, dass dieser Verein derzeit abgibt. In puncto Vorbildfunktion muss man leider sagen: in Gänze verkackt, liebe Hertha. Dass es auch disziplinierter auf dem Platz zugehen konnte, zeigte unter anderem der BVB. Dortmund zerlegte den Erzrivalen aus Schalke mit 4:0, Emotionen sind da eigentlich vorprogrammiert, doch beim Jubel verhielten sich die BVB-Spieler vorbildlich.

Privilegierte Kicker düfen mehr?

Und so streite ich mit mir selber, ob ich nun für oder gegen die Wiederaufnahme des Fußballs bin. In gewisser Weise fühlt es sich ein Stück weit so an, wie ein Schritt in Richtung Normalität. Noch nicht einmal mit den Geisterspielen habe ich Probleme, da man so auch mal unter Wettkampfbedingungen Mäuschen spielen kann und hört, was die Akteure so auf und neben dem Platz von sich geben. Andererseits zeigte die Hertha genau das, was ich befürchtet habe vor dem Re-Start: undiszipliniertes Verhalten. Dieses führt unweigerlich zu einer negativen Stimmung bei manchen Menschen in unserer Bevölkerung. In den Sozialen Medien liest man zurzeit jede Menge Mist, aber teilweise findet man auch Menschen, die sachlich miteinander diskutieren. Und viele dieser Diskutanten haben vor dem Re-Start zum Ausdruck gebracht, dass sie sich einfach wie Menschen zweiter Klasse fühlen, wenn die eh schon privilegierten und monetär gutsituierten Kicker wieder auf den Platz dürfen, aber Kinder nicht einmal auf den Spielplatz oder in den Kindergarten.

Bitte Saison abhaken

Eigentlich will ich nur noch, dass die Saison ganz schnell vorüber geht und sich die Bundesligisten schnell in die Sommerpause verabschieden können. Denn – auch das darf man in dieser Zeit nicht vergessen – die privilegierten Millionäre sind in der Zeit, wo unser öffentliches Leben so langsam wieder einigermaßen Fahrt aufnimmt, die mit am strengsten unter Beobachtung stehenden Personen in Deutschland. Dauer-Quarantäne, ständige Tests und ein Leben unter Auflagen. Um die derzeit absurde Realität der Protagonisten auf den Punkt zu bringen, gibt es kaum ein besseres Beispiel als Heiko Herrlich, der den ersten Spieltag als Trainer bei seinem neuen Arbeitgeber FC Augsburg aus der Loge betrachten musste, weil er einige Tage zuvor unbedacht Zahncreme einkaufen ging. Damit verstieß er gegen den Spieltagsauflagen und wurde dementsprechend aussortiert.

Es muss gespielt werden – gegen Osnabrück

Kommen wir zum Sportlichen. Hannover 96 steht nach der langen Zwangspause vor dem Auswärtsspiel beim VfL Osnabrück. Hannover belegt Platz elf der Tabelle mit 32 Punkten und steht somit zwei Zähler vor den auf Platz 13 rangierenden Osnabrückern bei einem weniger ausgetragenen Spiel. Das Team von VfL-Trainer Daniel Thioune konnte sich am vergangenen Spieltag eine Big Point im Kampf um den Klassenerhalt sichern, erzielte es gegen Tabellenführer Arminia Bielefeld in der Nachspielzeit noch den Ausgleich. Was danach passierte, war ein emotionaler Ausbruch, die Bank stürmte zur Eckfahne und feierte den Torschützen. Nicht wirklich vorbildlich, aber dann doch nicht ganz so deppert wie die Berliner. Damit dürfte Hannover 96 gewarnt sein vor einer Mannschaft, die direkt auf Betriebstemperatur ist, wodurch wir hoffentlich ein interessanteres Spiel als das 0:0 aus der Hinrunde in der HDI-Arena zu sehen bekommen. Sicher ist, dass sich ein anderes Hannover in die Zwangspause verabschiedet hat als noch im Hinspiel unter Slomka. Die Roten präsentierten sich zuletzt immer stabiler unter Kenan Kocak – und als man das Gefühl hatte, sie könnten eine Serie starten, kam die Corona-Pause. Es ist schwierig, das Team ohne Anhaltspunkte zu bewerten, an einem Tipp versuche ich mich aber trotzdem: Hannover 96 bezwingt den VfL Osnabrück auswärts mit 2:1. Der reguläre Klassenerhalt rückt einen weiteren Schritt näher.

Samstag, 23. Mai 2020, 13 Uhr:
VfL Osnabrück – Hannover 96

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Kategorien: Sports

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