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Die Kultur im Zeitalter ihrer Online-Darstellung

#systemrelevant: Wie die Pandemie uns zeigt, dass Kultur ein Live-Erlebnis mit vielen Facetten ist. Ein paar Gedanken

Zeitlose Denkanstöße: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ von Walter Benjamin und „Warum ist nicht schon alles verschwunden“ von Jean Baudrillard, Buchcover

Im Dezember vergangenen Jahres sah ich mir im Atelier des Lumières eine Vincent Van Gogh-Ausstellung an. Nun gut, Ausstellung ist in diesem Zusammenhang nicht der richtige Begriff, man sollte es viel mehr Show nennen. Denn das Atelier des Lumières zeigt, ähnlich wie derzeit das Landesmuseum, digitale Ausstellungen. Man kann sozusagen in den Projektionen berühmter Gemälde herumlaufen. Das zieht vor allem ein junges Publikum an und das ist auch genau der Hintergedanke des Konzepts. Als ich ein paar Wochen später im Van Gogh-Museum in Amsterdam war, verstand ich einmal mehr, was Walter Benjamin in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ beschreibt: „Noch bei der höchstvollendeten Reproduktion fällt eines aus: das Hier und Jetzt des Kunstwerks – sein einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet. An diesem einmaligen Dasein aber und an nichts sonst vollzog sich die Geschichte, der es im Laufe seines Bestehens unterworfen gewesen ist.“ Dieses Hier und Jetzt prägt für Benjamin die Echtheit eines Kunstwerks. Wird ein Kunstwerk reproduziert, also beispielsweise abfotografiert, oder aber mittels technischer Mittel als digitale Reproduktion an die Wände von Lagerhallen projiziert, verliert es das, was Benjamin als „Aura“ bezeichnet. Alles, was in einem Kunstwerk steckt, seine Geschichte, sein Ursprung, seine Wirkung, seine Echtheit, seine Unnahbarkeit kann als Teil der Aura bezeichnet werden. Oder sagen wir es mal so: Als Kunstliebhaberin fand ich die Show in Paris toll, aber in Amsterdam war ich tief ergriffen.

Kultur ist Spiegel, Ventil und Motor einer Gesellschaft. Und muss sich aktuell selber helfen

Nun ist es ja aktuell so, dass im Zuge der Pandemie viele Teile der Kultur ins Netz verlegt wurden. Digitale Spaziergänge durch Ausstellungen und Sammlungen sind ebenso möglich wie Online-Lesungen und Konzerte im Live-Stream. Letzteres ist eigentlich nicht neu, aber der derzeitige Trend übersteigt die bisherige Verfügbarkeit von Konzert-Mitschnitten auf Arte bei weitem. Wer nun glaubt, dass ein Konzert im Live-Stream oder die Video-Aufnahme eines Schauspiels die Aura unberührt lässt, irrt im Sinne Benjamins. Sobald sich eine Kamera zwischen Kunstwerk und Betrachter*in schiebt, ist die Totalität der Darstellung eingeschränkt. Die Kultur versucht sich aber derzeit nun mal selbst zu helfen, da Bund und auch die Landesregierungen sich zwar gerne mit der jeweiligen Vielfalt der Kulturszene schmücken, in erster Linie jedoch das schützen, was genügend Kapital einbringt. Die lebendige und gerne auch kritische Kultur, die schon immer im Kapitalismus einen großen Gegner erlebt hat, wird genau in diesen Zeiten noch mehr von ihm erstickt. Die beschworene Systemrelevanz wird nur unzureichend honoriert. Kultur wird nun in ihren Funktionen auf Genuss und bloßes Freizeitvergnügen reduziert. Die weiteren, und keinesfalls minder wichtigen Bestandteile der Kultur, nämlich Spiegel, Ventil und Motor einer Gesellschaft zu sein, werden verkannt. Und die von Benjamin bezeichnete Aura wird durch unsere in die virtuelle Welt verschobene Wahrnehmung vollständig eliminiert. Jeder kulturell begeisterte Mensch merkt, was derzeit wirklich fehlt und was dringend geschützt und unterstützt werden müsste. Fraglich ist nur, ob von diesen Personen auch welche in den politischen Rängen sitzen.

Konsequente Online-Verfügbarkeit suggeriert Gratis-Komponente

Das Problem geht aber noch einen Schritt weiter. Nicht nur, dass die wichtige Aura der Kultur derzeit verloren geht und Bund und Länder Kunst- und Kulturschaffende im Regen stehen lassen, die konsequente Online-Verfügbarkeit suggeriert zunehmend eine Gratis-Komponente. Nichts muss bezahlt werden, aber man könnte spenden. Man könnte spenden, wenn man Online über das Lodderbast einen Film schaut, aber man muss eben nicht. Man könnte ein paar Euro für das Online-Programms des TaKs springen lassen, muss es aber nicht. Die Freiwilligkeit als Basis ist ein ehrenwerter Gedanke, dem hier und da sicherlich auch nachgekommen wird. Fraglich bleibt allerdings, ob dieses „hier und da“ wirklich die Kosten deckt. Fraglich ist zudem auch, ob – wie derzeit angepeilt – Theater und andere Lokalitäten ab dem 8. Juni nicht nur unter durchaus notwendigen Hygiene-Auflagen wieder öffnen dürfen, sondern ob sich dies auch wirklich für die jeweiligen Spielstätten rentieren wird.

Die Welt ohne einen selbst – Kultur darf nicht im Digitalen verschwinden

Ein anderer Denkanstoß kommt aus der französischen Ecke. Jean Baudrillard begann seinen letzten Essay „Warum ist noch nicht alles verschwunden?“ mit einer Anmerkung darüber, dass es mittlerweile jedem Menschen klar sein sollte, dass die Medien die Realität ermordet haben. Und dass wir Menschen ohnehin durch den Einsatz technischer oder digitaler Gerätschaften immer mehr verschwinden. Wer fotografiert, so Baudrillard, zeigt bereits, wie die Welt ohne einen selbst aussieht. Folgt man Baudrillards radikaler Denkweise, verschwinden wir Menschen in Zeiten der Online-Streams ebenfalls immer mehr. Wir glänzen durch Abwesenheit, konsumieren in aller Abwesenheit. Was entsteht, ist eine leere Blase ohne Aura und Menschen. Das klingt nun alles so, als sollten an dieser Stelle die kreativen Lösungen der Kulturszene in Zeiten von Corona angeprangert werden, aber dies ist nicht der Fall. Viel mehr soll uns das alles zeigen, auf was wir schmerzlich verzichten müssen und was Kultur eigentlich auszeichnet: Anwesenheit, Unmittelbarkeit, kritische Haltung und Reflexion. Dass das nicht prinzipiell mit dem Grundgedanken des Kapitalismus zu vereinbaren ist, ist klar. Aber der Politik sollte bei all der Liebe zum kapitalistischen System klar sein, dass es außerhalb dessen noch ein ganz lebendiges und zu schützendes System gibt, dass sich leider durch die vorherrschende Konstruktion nicht alleine durch gute Worte erhalten kann.

Walter Benjamin: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, Essay, 77 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN-13: 978-3518461969, 5 Euro

Jean Baudrillard: „Warum ist nicht schon alles verschwunden?“, Essay, 64 Seiten, Matthes & Seitz, ISBN-13: 978-3882217209, 10 Euro

(Foto: Buchcover)

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