Sebastian Albrecht
31. Mai 2020

Over the digital rainbow

Da die Durchführung des Christopher Street Days wegen des Corona-Virus dieses Jahr in Hannovers Innenstadt nicht möglich ist, hat das CSD-Team ihn einfach ins Digitale verlegt

Regenbogenflagge

Obwohl der Christopher Street Day nur digital stattfinden kann, wird sie heute das Stadtbild Hannovers prägen: die Regenbogen-Flagge, Symbol der LSBT*IQ-Gemeinschaft

Zugegeben, allzu viel Positives lässt sich an der Corona-Pandemie nicht entdecken, zu zahlreich sind die negativen Aspekte, die mit dem Virus einhergehen. Auch von der anfänglichen Euphorie, die Krise könne dazu führen, dass sich im Anschluss das Leben und die Welt zum Besseren ändern könnten, ist inzwischen nicht mehr so viel zu verspüren. Tschüss Utopie, hallo triste Realität. Und doch gibt es sie, diese wenigen Momente: Wer in den Ballungsräumen, den Hotspots einer Großstadt wohnt, wird die Wochen, in denen statt des Feier-Volks nur die Anwohner des Viertels durch die Straßen flanierten oder vereinzelt auf Plätzen und in Parks saßen, sicherlich ein bisschen genossen haben. Eine fast idyllische Ruhe. Der Ausfall von Großveranstaltungen wie Schützenfesten, Schlager-Move, Harley Days und Oktoberfest sowie die fehlenden grölenden Menschenmassen während der Fußball- und der Festival-Saison dürfte für nicht wenige keinen großen Verlust darstellen.

In der Tat hat es etwas für sich: Keine Lärmbelästigung, keine besoffenen Menschenmengen, keine schlechte Musik, keine Müllberge auf den Straßen und die eigene Hauswand wird nicht zur öffentlichen Toilette umfunktioniert. Doch so schön ein ruhiges Viertel auch sein mag, auf Dauer hat das Fortbleiben von Publikum für viele natürlich auch negative finanzielle Konsequenzen, zum Beispiel für die kleine Boutique an der Straßenecke oder für das Lieblingscafé. Und nicht jede Großveranstaltung ist gleichbedeutend mit einem riesigen Massen-Besäufnis. Obgleich die Bilder der letzten Wochen vielleicht etwas anderes vermuten lassen, sind in der Hälfte der Bundesländer Demonstrationen weiterhin nicht, nur in Ausnahmen oder mit sehr reduzierter Teilnehmerzahl möglich.

Das Demonstrationsrecht ist ein Grundrecht in Deutschland, und um es einzuschränken, bedarf es triftiger Gründe. Dass über Einschränkungen und Maßnahmen diskutiert und sich für die Grundrechte eingesetzt, dass auch kritisiert wird, ist richtig und wichtiger Bestandteil der Demokratie. So stellte das Bundesverfassungsgericht im April fest, dass ein generelles Demonstrationsverbot mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sei und die Möglichkeit, zu demonstrieren, grundsätzlich gegeben sein müsse. Ein Anrecht auf eine 10.000-Teilnehmer-Demonstration mit Kuschel-Atmosphäre wie vor der Corona-Pandemie ergibt sich aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts freilich nicht: Jeder Fall muss einzeln geprüft werden, auch hinsichtlich der Einhaltung der Maßnahmen zum Schutz der Teilnehmenden.

Nicht jede Versammlung wird also auch stattfinden können. Das gilt einerseits ebenfalls für den Christopher Street Day in Hannover, andererseits aber auch nicht. Einerseits, da der Christopher Street Day 2020 nicht wie die Jahre zuvor als Veranstaltung auf den Straßen Hannovers stattfinden wird. Andererseits, weil der CSD trotzdem nicht ausfällt, sondern ins Internet ausweicht. Da der Christopher Street Day nicht bloß ein Stadtfest ist, bei dem sich alles um ein Feel-Good-Feeling dreht, sondern ebenso Demonstration für Vielfalt und Gleichberechtigung, wird dennoch versucht, in der Stadt auch ohne die sonstigen etwa 25.000 Teilnehmer*innen präsent zu sein. So gab es die Möglichkeit, eigene Plakate an Sammelstellen einzureichen, die heute auf dem Opernplatz gezeigt werden. Dazu könnt Ihr für Sichtbarkeit sorgen, indem Ihr Flaggen an Fenster oder Balkone hängt oder zwischen 12 und 14 Uhr mit Flaggen und Euren CSD-Outfits nach draußen geht – das Mitnehmen von Plakaten ist nicht erlaubt. Wichtig: Haltet hierbei die Hygiene-Maßnahmen ein, bleibt in Euren Stadtteilen, um größere Ansammlungen zu vermeiden und geht nur dorthin, wo ihr Euch sicher fühlt, da es eher zu Anfeindungen kommen kann, wenn ihr alleine unterwegs seid. Außerdem könnt ihr natürlich für digitale Aufmerksamkeit sorgen und Beiträge des CSD kommentieren und teilen.

Ab 14 Uhr geht es dann online weiter, gesendet wird – in Kooperation mit dem Schauspielhaus und der Staatsoper Hannover – aus dem Opernhaus. Hierbei erwarten Euch zahlreiche Beiträge von Parteien, Einrichtungen, Vereinen und Organisationen, aber auch viel Kulturelles wie Musik, Video-Beiträge, ein Zoom-Party-Ballett oder ein Gespräch mit Kulturschaffenden. Das ganze Programm kann auf der Homepage des CSD eingesehen werden. Welches ebenfalls eine der positiven Erkenntnisse aus der Corona-Pandemie ist: Trotz der ärgerlichen, aber verständlichen Absage des analogen Christopher Street Days ist es gelungen, ein alternatives und umfangreiches Programm auf die Beine zu stellen, um das wichtige Anliegen auch dieses Jahr sichtbar machen zu können. Denn trotz der Ehe für alle und dem Verbot von Konversionstherapien sind Menschen der LSBT*IQ-Gemeinschaft auch in unserer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft noch immer häufig Diskriminierung, Mobbing oder Übergriffen ausgesetzt. Umso wichtiger, dagegen und stattdessen für Gleichberechtigung ein Zeichen zu setzen!

Sonntag, 31. Mai 2020:
Christopher Street Day 2020 digital, Start: um 14 Uhr auf der Website des Christopher Street Days Hannover, Ende: gegen 22 Uhr

(Foto: Theodoranian/Wikipedia/CC BY-SA 3.0)

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Kategorien: Medien, Politik, Tagestipps

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