Susanne Viktoria Haupt
1. Juni 2020

Aufstieg im Kontrast

Seitenansicht: „Die Reisenden“ von Regina Porter

Alltagsrassismus, Freiheitsdrang und Emanzipation: „Die Reisenden“ von Regina Porter deckt auf knapp 400 Seiten eine große Themenvielfalt ab, Buchcover

Die eine Familie ist farbig, die andere weiß. Aber dennoch haben sie beide denselben Traum: Sie wollen aufsteigen. Sich frei machen von Armut und sozialer Ausgrenzung. Die Vincents kommen aus dem strahlend weißen Maine, die afroamerikanischen Christies aus dem südlichen Georgia. Zwei Familien, die eigentlich nicht unterschiedlicher sein könnten, aber sich dennoch immer wieder auf ihren Lebenswegen kreuzen. Bis zu dem Tag, an dem Ruff Vincent, der sein Leben dem Schriftsteller James Joyce gewidmet hat, und Claudia Christie, die sich ihrerseits wiederum William Shakespeare verbunden fühlt, heiraten und beide Familien endgültig miteinander verbinden. Satte 34 Personen porträtiert Regina Porter in ihrem Debüt „Die Reisenden“ und das ist für die Leser*innen nicht immer ganz einfach. Chronologie sucht man händeringend, immer wieder springt Porter durch die Zeit und deckt dabei von 1947 bis 2010 mehrere wichtige Stationen beider Familien ab. Schnell wird zwischendurch auf die letzten Seiten zum Personenregister geblättert, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Neben dem sprunghaften Erzählstil beeindruckt aber vor allem die Eindringlichkeit und Ehrlichkeit, mit der Porter ihre Figuren auftreten lässt. Sie sind keine großen Held*innen, keine herausragenden Stars, sie sind normale Menschen mit Träumen, Lastern und Wunden. Ruff wächst beispielsweise unter seinem promiskuitiven Vater James auf, für den es selbstverständlich ist, durch möglichst viele fremde Betten zu turnen. Claudias Mutter Agnes wiederum trägt ein fürchterliches Geheimnis mit sich herum. Wurde sie doch als junge Frau von zwei weißen Polizisten nachts während einer Polizei-Kontrolle vergewaltigt. Ein Vorfall, der sie Zeit ihres Lebens geprägt hat, aber über den sie lieber schweigt. Das Thema Rassismus kommt natürlich keinesfalls zu kurz, denn der ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass der soziale Aufstieg für die Christies ungleich schwieriger ist als für die Vincents. Und so müssen auch Ruff und Claudia einsehen, dass ihre Beziehung sich für die Gesellschaft alles andere als einfach gestaltet.

Das Interessante an Regina Porters Geschichte ist, dass die Autorin nicht versucht, auf Biegen und Brechen einen Aufschrei zu provozieren. Es geht ihr offenbar nicht darum, mit sprachlichen Mittel allzu fordernd auf Themen wie Rassismus und auch Homophobie hinzuweisen. Viel mehr scheint sie einfach zu erzählen, „wie es nun mal ist“. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, ohne zu beschönigen, aber auch ohne jegliche Aufgeregtheit. Schon auf den ersten Seiten ist es daher umwerfend gut erzählt, wenn Agnes den Polizisten zum Opfer fällt und Porter schlicht und ohne Schnörkel die Folgen der Tat auf Agnes und ihren Begleiter festhält. Gerade im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse rassistischer Gewalt in Amerika, man denke da vor allem an George Floyd, fragt man sich, warum der Hashtag #blacklivesmatter nicht schon längst zur Grundeinstellung einer Nation geworden ist. Und warum sich offensichtlich in den vergangenen 70 Jahren wenig bis gar nichts geändert hat.

„Die Reisenden“ ist aber auch ein Roman über die Emanzipation und Stärke der Frauen. Frauen, die sich nicht kleinkriegen lassen wollen und ihren eigenen Weg gehen. Wie zum Beispiel Eloise, die zwar nicht zur Familie gehört, aber eine alte Freundin von Agnes ist und sich nicht nur einer Karriere als Pilotin verschreibt, sondern in Berlin auch endlich ihre Homosexualität frei ausleben kann. Oder aber die zahlreichen Frauen der Familie Vincent, die regelmäßig ihre promiskuitiven Männer verlassen und gen Süden in die Sonne ziehen. „Die Reisenden“ ist ein literarisches episches Puzzle über Alltagsrassismus, Emanzipation und jede Menge Freiheitsdrang. Aber eben auch ein Roman, den man wahrlich aufmerksam lesen muss, um alle Fäden im Blick zu halten. Dank des charmanten Stils von Porter, der hier und da ein Augenzwinkern überdeutlich erkennen lässt, ist dies allerdings nicht besonders schwierig.

Regina Porter: „Die Reisenden“, Übersetzung von Tanja Handels, 384 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN-13: 978-3103973952, 22 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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