Susanne Viktoria Haupt
4. Juni 2020

Grandios im Doppelpack

Erst das Buch, dann die Serie: „Little Fires Everywhere“ von Celeste Ng glänzt in beiden Formaten

Selten ist die Serie so gut wie die Roman-Vorlage: Bei „Little Fires Everywhere“ stimmt aber beides

Erst vor wenigen Wochen haben wir Euch in unserer Kolumne Seitenansichten „Was ich euch nicht erzählte“ von Celeste Ng ans Herz gelegt. Ein Debüt, das vor allem durch seine Konstruktion sehr positiv aufgefallen war. Nun haben wir das Glück, dass Ngs zweiter Roman „Kleine Feuer überall“ sogar noch besser daherkommt als ihr Erstling. Das zeigt einmal mehr, dass das Schreiben ein Handwerk ist, das man verbessern kann, aber auch, dass sich in Celeste Ng noch viel mehr Potential versteckt, als wir bisher erkennen durften. Auch in „Kleine Feuer überall“ widmet sie sich dem Kleinstadt- und Familien-Leben auf eine verstörende Weise. Schon der erste Satz des Romans funktioniert wie ein Sog: „In jenem Sommer redeten alle in Shaker Heights darüber, wie Isabelle, das jüngste Kind der Richardsons, endgültig durchdrehte und das Haus abfackelte.“ Das passt so gar nicht ins sonst so von Ordnung und Spießigkeit geprägte Bild der fiktiven Vorstadt Shaker Heights. Eigentlich gilt nämlich: Landest du hier, hast Du es tatsächlich geschafft. Das denken sich auch die Richardsons, mit einem Anwalt als Vater und einer, wenn auch tendenziell unterforderten Lokaljournalistin als Mutter. Die Richardsons bemühen sich dann auch wirklich, in allen Lagen das Richtige zu tun und den Schein einer perfekten Familie aufrecht zu erhalten.

Aber genau wie in „Was ich euch nicht erzählte“ steht die Tragödie am Beginn der Geschichte – und auch in „Kleine Feuer überall“ sammelt Ng gekonnt die Fäden ein, die schlussendlich zu einem schrecklichen Vorfall führen. Wie eine Detektivin blickt sie nicht nur hinter die vermeintlich saubere Fassade der Richardsons, sondern hinter die von ganz Shaker Heights. Was zum Vorschein kommt, ist allerdings viel mehr als bloßer Vorstadt-Gossip, sondern da gibt es relevante Probleme, deren Wurzeln tief verankert sind. Bei solch einem wunderbar entfalteten Plot war es nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand der Geschichte der Richardsons angenommen hat. Amazon, in stetiger Konkurrenz mit Streaming-Riese Netflix, hat sich nun „Kleine Feuer überall“ unter den Nagel gerissen und eine tatsächlich gelungene Serie daraus gestrickt. Diese überzeugt mit dem Cast, der unter anderem aus Kerry Washington und Reese Witherspoon besteht. Witherspoon, die an dieser Stelle die Rolle der Elena Richardson zugeschrieben bekommen hat, konnte schon in „Big little Lies“ als vielschichtige Vorstadtmutter überzeugen. Für Euch heißt das nun: Schnell den Roman besorgen und anschließend die Serie schauen! Das Buch aber bitte nicht beim Internet-Riesen ordern, sondern weiterhin den lokalen Buchhandel unterstützen.

Donnerstag, 4. Juni 2020:
„Little Fires Everyhwere“, Mini-Serie von Liz Tigelaar, USA 2020
Little Fires Everywhere auf Prime

Celeste Ng: „Kleine Feuer überall“, Übersetzung von Brigitte Jakobeit, 384 Seiten, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN-13: 978-3423147231, 11,99 Euro

(Foto: Pressefoto/Buchcover)

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Kategorien: Film, Literatur, Tagestipps

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