Susanne Viktoria Haupt
17. Juni 2020

Kultur oder Klima?

Der beliebte hannoversche „Macht Worte!“-Poetry Slam ist heute bei der Autokultur zu Gast. Geht das zusammen?

Zumindest endlich mal wieder ein Poetry Slam vor Publikum: „Macht Worte!“ bespielt heute die Autokultur

Ich habe ehrlich mitgelitten. Mitgelitten mit allen Kulturschaffenden und Veranstalter*innen. Und noch immer weiß ich, dass die Kultur-Milliarde nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist und die Pandemie so viele tolle Projekte verschluckt hat. Um nicht zu sagen auch Existenzen zerstört hat. Hannovers Poetry Slam „Macht Worte!“ liegt mir persönlich besonders am Herzen, auch wenn ich selten bei Poetry Slams zugegen bin. Das liegt aber tendenziell eher daran, dass ich die typische Leserin bin, die sich lieber zu Hause hinterm Bücherstapel versteckt. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht weiß, wie viel Leidenschaft und Herzblut hinter jeder einzelnen Veranstaltung steckt. Und jeder, der schon einmal eine „Macht Worte!“-Veranstaltung besucht hat, wird wissen, dass Moderationsmaschine Henning Chadde seinen Platz an der Sonne auf der Bühne hat. Nach all den abgesagten Veranstaltungen ging demnach neben der existenziellen Sicherung auch die geballte Leidenschaft verloren.

Vorletzte Woche bespielte „Macht Worte!“ bereits ein Faust-TV Special. Heute sind Henning Chadde und Jan Egge Sedelies bei der Autokultur zu Gast, die mit einem abwechslungsreichen, hier und da aber auch mal zweifelhaften Programm versucht, das Kulturloch in Hannover zu stopfen. Zu nennen wäre hier beispielsweise Oliver Pocher, der nicht nur keinen Humor, sondern zusätzlich auch keinen Anstand zu besitzen scheint. Zumindest zeigt er das überdeutlich, in dem er seit Wochen seine Gefolgschaft zum Mobbing gegen Influencer*innen aufruft. Da ist Blut-Abnahme unterhaltsamer. Auch ist fraglich, ob der neue Auto-Boom der Umwelt gut tut. Ich tippe mal auf nein. Aber da man durch die Pandemie nun vermehrt auf öffentliche Verkehrsmittel verzichtet, steigt man hierzulande nun wohl lieber ins Auto statt aufs Rad. Und nun setzen sich also alle auch ins Auto, um Kultur zu genießen. Hupen statt Applaus, ein Karosserie-Haufen statt fröhliche Gesichter. Kultur mit Verbrennungsmotor statt Klima.

Das ist also wenig klimafreundlich, und in diesen Zeiten hätte man von Veranstalter*innen durchaus mehr ein Um-die-Ecke-denken erwarten können. Aber was macht man nun, wenn noch ungewiss ist, wann und wie wieder richtige Poetry Slams mit Publikum stattfinden können? Wenn man doch unser aller geliebtes „Macht Worte!“-Team so dringlichst unterstützen möchte? Setzt man auf Kultur oder aufs Klima? So oder so, in diesem speziellen Falle kann wohl niemandem ein Vorwurf gemacht werden. Wir können nur darauf hoffen, dass es vielleicht demnächst einen ersten kleinen Open Air-Poetry Slam geben wird. Mit Abstand, aber mit Klimaschutz. Und wer heute für „Macht Worte!“ ins Auto steigt, aber ansonsten körperlich darauf verzichten kann, der möge in Zukunft doch bitte noch mehr aufs Rad setzen. Und weil bloßes Hupen irgendwie etwas oll ist und nach Hochzeitsklischee klingt, könnt ihr den teilnehmenden Akteuri*innen von heute demnächst auf offener Straße auch einfach mal so mit Abstand applaudieren: Henning Chadde (Moderation), Jan Egge Sedelis (Moderation), Tobias Kunze (Poetry Slammer), Tanja Schwarz (Poetry-Slammerin), Erik Leichter (Poetry Slammer), Sven Kamin (Poetry Slamer) und als Slam-Team DaMdaM mit Verena und Klaus Urban.

Mittwoch, 17. Juni 2020:
„Macht Worte!“-Poetry Slam zu Gast bei der Autokultur, Schützenplatz Hannover, 30169 Hannover, Einlass: 19 Uhr, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: ab 37,25 Euro nur im Vorverkauf

(Foto: Pressefoto/“Macht Worte!“)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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