Matthias Rohl
3. August 2010

Filmgeschichte(n): „Dirty Harry“

Make my day! Ikone der Coolness und Meisterregisseur: Clint Eastwood zum 80. Lebensjahr

Hoch über den Dächern von San Francisco lauert der Killer und fixiert sein Opfer durch das Fadenkreuz seines Präzisionsgewehrs: Vietnam-Veteran „Scorpio“ (Andrew Robinson), ein voyeuristischer Psychopath, erschießt eine junge, in einem Penthouse-Pool auf dem Dach des gegenüberliegenden Hochhauses badende Frau. Ihr Körper, vom Projektil durchbohrt, wirbelt herum, dreht sich um die eigene Achse und erstarrt in den Schwaden des austretenden Blutes. Wenig später erscheint Police Inspector Harry Callahan (Clint Eastwood) am Tatort und entdeckt einen Drohbrief des „Skorpions“: Wenn ihm die Stadtverwaltung nicht 100.000 Dollar zahle, werde er jeden Tag weitere Personen töten, „einen katholischen Priester vielleicht oder einen Nigger“. Der Bürgermeister (John Vernon) will die Forderung erfüllen, doch Callahan prophezeit, dass der Täter weitere Morde begehen wird, weil er inzwischen Gefallen am Töten gefunden hat. Für ihn gibt es nur eine Lösung des Problems: „Lassen Sie mich das Vieh fangen!“

“Dirty Harry”, Plakatmotiv

Großstadt-Western, der zum unauslöschlichen Bestandteil der Populärkultur wurde: „Dirty Harry“, Plakatmotiv

Leider hat Scorpio bereits ein weiteres Opfer in seiner Gewalt – ein 14-jähriges Mädchen, das er, lebendig begraben, mit begrenzter Luftzufuhr, gefangen hält. Lösegeldforderung diesmal: 200.000 Dollar. Callahan kann den Killer schließlich nach langer Jagd nachts in einem leeren Football-Stadion stellen. Unter Folter verrät Scorpio schließlich das Versteck, doch Callahans Kollegen können das Mädchen nur noch tot bergen. Damit nicht genug: Scorpio, durch Callahans widerrrechtliche Folter von der Staatsanwaltschaft wieder auf freien Fuß gesetzt, forciert seine perfide Strategie, um weiteres Lösegeld zu erpressen. Er entführt einen voll besetzten Schulbus – und der finale Kampf auf Leben und Tod beginnt…

Die Geburt eines Archetypus

Regisseur Don Siegel (1912-1991) und sein Hauptdarsteller Clint Eastwood schufen mit „Dirty Harry“ einen der kommerziell erfolgreichsten Großstadt-Western des Jahres 1972. Beide hatten ihre Zusammenarbeit 1968 mit „Coogan’s Bluff“ begonnen. Doch während Coogan noch der Provinz-Sheriff war, den die Jagd auf Drogendealer aus Arizona nach New York verschlägt, so wirkt „Dirty Harry“ wie die forcierte Variante des klassischen Großstadt-Detectives: Callahan ist nach dem Unfalltod seiner Ehefrau, verursacht von einem betrunkenen Autofahrer, unausstehlich und abgrundtief zynisch geworden. Bei Kollegen ist er als „Mann für die dreckigen Jobs“ verrufen, bei Vorgesetzten für seine Methoden am Rande der Legalität verpönt. Als der Bürgermeister ihn zurechtweist, antwortet Callahan: „Einen erwachsenen Mann, der eine Frau mit der Absicht verfolgt, sie zu vergewaltigen, erschieße ich. Das ist meine Methode.“ Und als der Bürgermeister nachfragt, wie er sich so sicher sein könne, entgegnet Dirty Harry: „Ein Nackter, der mit einem Messer und einem Steifen einer Frau nachjagd, sammelt kaum fürs Rote Kreuz.“ Für Clint Eastwood, der den größten Teil seines Lebens in der Bay Area Kaliforniens verbrachte, erwiesen sich die Dreharbeiten als Heimspiel: „Ich bin“, so bekannte er, „mit dieser Gegend verbunden, insbesondere mit den Drehorten.“

“Dirty Harry”, Szenenfoto

Dirty Harrys psychopatischer Gegenspieler: Scorpio (Andrew Robinson) hat einen Jungen als Geisel genommen

Mit „Dirty Harry“ gelang Siegel und Eastwood nicht weniger als der Archetypus des modernen Filmpolizisten, der seine Arbeit mit nie zuvor erblickter Coolness und enervierender Effektivität verrichtet. Ohne Zweifel muss man die epochale Wirkung dieser Figurengestaltung betonen, die ihre rezeptionsästhetischen Schatten bis in unsere Gegenwart wirft: Jeder Action-Held des zeitgenössischen Kinos ist unverkennbar eine Variante dieses Typus. Dirty Harrys Dialog-Sequenzen sind inzwischen zum unauslöschlichen Bestandteil des popkulturellen Zitat-Reservoirs avanciert: „Go ahead, make my day!“ Voller Bewunderung attestierte Arnold Schwarzenegger, er habe den Film bei Erscheinen fünfmal hintereinander gesehen: „Dirty Harry war ein sehr brutaler Film, aber er war ein toller Typ, die Leute bewunderten den Mann, er nahm die Dinge in seine eigenen Hände und führt seine Arbeit auf eine coole und neue Art aus.“ Clint Eastwood indes ist inzwischen nicht nur zur Ikone der Coolness geadelt – Quentin Tarantino nennt ihn schlicht „meinen Helden“ – sondern vor allem zum Meisterregisseur gereift, dessen vielschichtig schillerndes Werk seinen unangefochtenen Platz in den höchsten Etagen cineastischer Erregungskunst behaupten wird. Befragt, welchen Rat er jüngeren Regisseuren geben könne, gab er jüngst zu Protokoll: „Mach einfach immer weiter. Wenn sie Dir die Tür in die Fresse schlagen, lass‘ Dich nicht von Deinem Weg abbringen. Nur dann geht der Traum in Erfüllung. Vorausgesetzt natürlich, jemand glaubt an Dich.“

Voyeur und Fetisch

So erfolgreich der Film beim Publikum war, so sehr wandte sich die damalige Kritik ab, und unterstellte gar, wie Pauline Kael, „Dirty Harry“ besitze „faschistisches Potential“. Im Zeitalter moderner System- und Netzwerk-Theorien wirken solche überhitzten Angriffe recht antiquiert, doch in den Siebziger Jahren hatten die Schriften Michel Foucaults in akademisch geschulten Milieus Hochkonjunktur: Überall sah man „Macht-Dispositive“ am Werk – und Dirty Harrys Selbstjustiz-Exzesse, in denen er sein eigenes Recht, buchstäblich „in Anschlag bringt“, verkörperte die Logik des Ausnahmezustands auf perfide Weise. Eastwood selbst konterte den Vorwurf verschmitzt: „Damals dachten viele, dass Dirty Harry ein politisches Statement enthält, aber das war Unsinn, wir wollten einen guten Detektivfilm machen, der Rest war uns egal.“

“Dirty Harry”, Szenenfoto

Der Mann für die dreckigen Jobs: Harry Callahan (Clint Eastwood)

Überdies verkannte der Mainstream der Kritik die höchst aufschlussreichen, präzise in Szene gesetzten Inszenierungs-Details, oft mit Handkamera und Reißschwenks „quasidokumentarisch“ umgesetzt: Immer wieder lässt Regisseur Don Siegel die prekäre Ambivalenz des Callahan-Charakters durchscheinen – wie Scorpio ist Dirty Harry ein radikaler Einzelgänger, schreckt vor (fast) keinem Mittel zurück, um sein Jagd-Ziel zu erreichen, ist Voyeur und Waffen-Fetischist: Er hasst den ohnmächtigen Gesetzes-Apparat und verhöhnt seine Opfer, während sie in seine Revolver-Mündung blicken: „Ich weiß, was du denkst. Du denkst, waren es sechs oder nur fünf Schüsse? Um ehrlich zu sein, bei all diesem Trubel weiß ich das selbst nicht mehr. Dies ist eine 44er-Magnum, die dir glatt den Schädel wegpusten könnte. Du solltest dich lieber fragen: Ist heute mein Glückstag?“ Seine latent suizidale Neigung, die ihn oft ohne Deckung direkt auf seine Gegner zulaufen lässt, bezieht ihre Spannkraft aus einem erbarmungslosen Gerechtigkeitssinn. Doch ist „Dirty Harry“ in seiner Frustration nicht ohne Selbstzweifel, wenn er am Schluss seine Dienstmarke wegwirft: Ist nicht der American Way of Life im Angesicht des Vietnam-Krieges längst zum Alptraum mutiert, in dem Gesetz und Gewalt – im Film verkörpert durch die Antipoden Callahan/Scorpio – als zwei Seiten derselben Münze fungieren?

nächste Folge:
„Der schmale Grat“
Dieses Böse, woher kommt es? Über Terence Malicks elegisches Epos der Kriegshölle im Pazifik

(Fotos: Wikipedia)

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Kategorien: Film

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