Jörg Smotlacha
15. Juni 2020

Offene Fragen

Die Staatsoper Hannover setzt sich heute online damit auseinander, wer alles von den NSU-Morden wusste

"Der Mordfall Halit Yozgat"

Dokumentarische Annäherung: „Der Mordfall Halit Yozgat“ wurde von einer Oper zum Film

Am 6. April 2006 wurde der in Kassel geborene Halit Yozgat in einem Internet-Café in seiner Heimatstadt mit zwei Kopfschüssen getötet. Er durfte nur 21 Jahre leben. Viele Menschen in Kassel wussten damals, dass etwas nicht stimmte in ihrer Stadt, und haben protestiert und demonstriert, so zeigte es zuletzt auch noch einmal die sehr politische dokumenta 2017, bei der das britische Kunst- und Recherche-Kollektiv „Forensic Architecture“ seine Ergebnisse mit Hilfe von Zeugen-Aussagen, Tatort und Polizei-Akten in Form einer Simulation präsentierte. Daraus entstand der Dokumentarfilm „77sqm_9:26min“.

Warum war der Verfassungsschützer Andreas Temme zur Tatzeit am Tatort? Temme will keinen Schuss gehört, keine Leiche gesehen haben. Auch den Geruch des Schießpulvers will der ehemalige Mitarbeiter des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz nicht wahrgenommen haben. Inzwischen ist klar, dass dies nicht stimmt. Doch wer wussste alles Bescheid? Fakt ist, dass der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) mindestens zehn vollkommen unschuldige Menschen ermordet hat, unter ihnen Yozgat. Die Akten des Verfassungsschutzes, die Licht ins Dunkel bringen könnten, waren für Jahrzehnte gesperrt, anfangs sogar für 120 Jahre, nun immerhin noch bis 2044.

Aus diesem Stoff hat der australische Komponist Ben Frost die Oper „Der Mordfall Halit Yozgat“ entwickelt, die von der Staatsoper Hannover in Zusammenarbeit mit dem Holland Festival ab dem 17. April gezeigt werden sollte. Durch Corona daran gehindert, wurde der Plan kurzerhand geändert und der Dokumentarfilmer Richard Mosse drehte einen 90-minütigen Film „mit dokumentarischen Elementen aus der Probenzeit“. Ob es diesem durchaus ungewöhnlich Projekt gelingt, die politischen Verwicklungen zwischen NSU und Verfassungsschutz zu beleuchten und die Mordserie uforensisch aufzuschlüsseln, kann heute Abend online im Live-Stream der Staatsoper Hannover bestaunt werden.Diesen Versuch ist es ganz sicher wert.

Montag, 15. Juni 2020:
„Der Mordfall Halit Yozgat, Eine Oper unter Quarantäne“, Dokumentarfilm von Richard Mosse. Live-Stream, Beginn: 20.30 Uhr, bis 8.30 am Folgetag verfügbar

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater Hannover/Banjamin Hardman)

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Kategorien: Bühne, Film, Politik, Tagestipps

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