Sebastian Albrecht
19. Juni 2020

Weiterhin auf der Flucht

In Zusammenarbeit mit kargah e.V. wartet Faust-TV heute Abend mit dem Special „Angekommen?!“ auf – Anlass ist der morgige Weltflüchtlingstag

Die Lyrikerin Elona Beqiraj

Wird heute Abend bei Faust-TV aus ihrem lyrischen Debüt „und wir kamen jeden sommer“ lesen: Elona Beqiraj

Es kann einem zuweilen so vorkommen, als habe es nie eine Berichterstattung in den Medien und Nachrichten ohne Corona-Bezug gegeben. Auch Monate nach seinem Auftauchen ist das Virus noch immer allgegenwärtig. Dabei schien das Corona-Virus zu Beginn des Jahres noch ein mediales Thema wie so viele andere, die erst an die Oberfläche kommen, einige Tage – manchmal auch einige Wochen – die Schlagzeilen bestimmen, um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden. Und obwohl es beim Verlassen der eigenen vier Wände durchaus den Eindruck machen kann, Corona sei längst Geschichte, ist es doch weiterhin aktuell: Erst am Mittwoch schloss der Kreis Gütersloh alle Schulen und Kindergärten, die gerade erst wieder geöffnet worden waren, da sich 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Fleischerei-Betrieb des Schalke-04-Aufsichtsratvorsitzenden Clemens Tönnies mit dem Virus infiziert haben. Am Dienstag wurde zum ersten Mal die Deutsche Fußballmeisterschaft vor leeren Rängen gewonnen, in Italien, Spanien und England haben die Ligen wieder ihren Betrieb aufgenommen. Lufthansa-Rettung, Polizeigewalt, Anti-Rassismus-Demonstrationen, aber auch solche gegen coronabedingte Einschränkungen und Maskenpflicht, Corona-Warn-App, Biergarten-, Schul- und Kindergarten-Öffnungen. Corona bleibt omnipräsent.

Durchaus zu recht, wie beispielsweise der erneute Ausbruch in dem Fleischereibetrieb zeigt. Doch gehen dafür viele andere wichtige Themen etwas unter oder verschwinden gänzlich aus der öffentlichen Wahrnehmung. 70,8 Millionen Menschen befanden sich 2018 laut der UN-Flüchtlingshilfe weltweit auf der Flucht. Daran ändert natürlich auch eine Pandemie nichts und so fliehen weiterhin Menschen oder befinden sich zusammengepfercht unter prekären Bedingungen in Flüchtlingslagern, unklar über ihre Zukunft. Dabei ist es nicht so, dass die Medien nicht mehr darüber berichten würden: Zu Moria und anderen griechischen Flüchtlingslagern finden sich auch in den letzten Monaten Artikel, Reportagen und Berichte. Die katastrophalen Hygiene-Zustände und die überfüllten Unterkünfte – Moria ist für knapp 3.000 Menschen ausgelegt, beherbergt momentan jedoch über 19.000 – werden ebenso thematisiert (und kritisiert) wie die Tatenlosigkeit der EU. Der Fokus liegt jedoch auf den Auswirkungen der Corona-Pandemie, andere Themen geraten unweigerlich in den Hintergrund.

Anlässlich des morgigen Weltflüchtlingstages gibt es heute Abend ein Faust-TV-Special, das in Kooperation mit kargah e.V. entstanden ist und auf die Situation Geflüchteter aufmerksam will, sowohl in deutschen Unterkünften als auch in den Flüchtlingslagern an den Außengrenzen der EU, die sich durch die Corona-Pandemie nochmals verschlechtert hat. Der Weltflüchtlingstag findet seit 2001 weltweit am 20. Juni statt. Kargah e.V. wurde 1980 von verfolgten Exil-Iranerinnen und Iranern in Hannover gegründet, setzt sich für interkulturelle Kommunikation ein und gestaltet Migrations- und Flüchtlingsarbeit. Schon letztes Jahr rief der Verein unter dem Motto „Flucht durch die Zeit“ ein kleines Festival ins Leben und auch dieses Jahr gibt es wieder ein vielfältiges Programm, nur diesmal eben im Internet.

Neben der Flucht beleuchtet das Special „Angekommen?!“ auch Aspekte der Migration und des Ankommens. Den Anfang macht wie immer ein Talk mit den Gästen: Im Interview geben Mitarbeiterinnen des Flüchtlingsbüros von kargah e.V. Eindrücke von ihrer Arbeit. Außerdem liest die Autorin Elona Beqiraj aus ihrem Gedichtsband „und wir kamen jeden sommer“, der sich mit den Folgen von Flucht und Migration auseinandersetzt, die auch nach dem physischen Ankommen noch lange nachhallen. Auch die im Anschluss gezeigte Ausstellung „Ankommen in neuen Leben“ des Internationalen Frauentreffs La Rosa setzt sich mit der Ankunft und dem Danach auseinander. Für den musikalischen Beitrag sorgt die Band einKlang, bestehend aus Tinatin Tsereteli und Anna Selvadurai, die mit ihren Akustik-Pop gleich noch den passenden Übergang vom Frühling in den Sommer bieten. Wer bereits seine Möbel an die Wände geschoben hat, um ausreichend Platz zum Tanzen zu haben, kommt beim Set von DJ Ajicero auf seine Kosten, das eine spannende und tanzbare Mischung aus Tropical Vintage Rhythms bietet. Durch den informativen wie gleichermaßen kurzweiligen Abend führen die Moderatorinnen Luna Jurado und Kathrin Apelt.

Freitag, 19. Juni 2020:
Faust-TV Special zum Weltflüchtlingstag, Beginn: 19 Uhr, Live-Stream auf dem Twitch-Kanal des Kulturzentrums Faust, Eintritt frei

(Foto: Pressefoto/Kulturzentrum Faust)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur, Musik, Politik, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel