Marc Mrosk
4. August 2010

Der alte Mann und der Maschsee

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 2: Maschsee, Menschen, Wege

Er war sich nicht ganz sicher über sein Alter. Er behauptete, er hätte schon zwei Kriege mitgemacht. Welche genau er meinte, sagte er nicht, aber er versicherte mir, er wäre schon verdammt alt. „Ich bin ein sehr alter Mann“, sagte er immer. „Ich bin älter als der Maschsee. Habe sogar geholfen mit meiner eigenen Schaufel damals. Ich war beim ersten Spatenstich in der Leinemasch 1934 dabei und gehörte zu den ersten Hundert die mitarbeiten durften. Der Lohn war erbärmlich, aber wir hatten doch eh nichts.“

Maschseeufer mit Fahrradfahrer

Der alte Mann und der Maschsee – über fünfundsiebzig Jahre vereint

Von schweigenden Tauben und der Liebe

Er sammelte mit seinem Fahrrad Flaschen rund um den Maschsee und dann eines Tages schickte er eine davon übers Wasser. Er erzählte mir, sein Name wäre Rainer, aber seine Freunde würden ihn „Taube“ nennen und das kam daher, weil er früher so bekannt dafür war, immer mit dicken Tüten Brot an den See zu kommen, um dann die Tauben zu füttern und mit ihnen zu reden. „Und was haben sie dir so erzählt?“, hab ich ihn mal gefragt und er geantwortet: „Gar nichts, du Idiot. Tauben können nicht sprechen.“

Löwenbastion am Maschsee

Ohne Worte: An der Löwenbastion wird still gebrüllt und die Tauben reden nicht…

Rainer erzählte mir, er hätte eine Frau, die am Altenbekener Damm wohnte und die regelmäßig um den Maschsee spazieren geht, um das Wasser zu beobachten. „Sie ist vierundvierzig und bildschön“, schwärmte er und er war fest davon überzeugt, dass sie ihn liebte. Aber das Schicksal wolle es halt anders. „Was war passiert?“, wollte ich wissen, doch er winkte nur ab und lachte. Er hatte nicht mehr sonderlich viele Zähne. Wenn er seinen Mund aufriss, sah es aus, als starrte man in einen winzigen schwarzen Himmel mit vier Sternen. Sterne, die allerdings nicht mehr so schön glänzten. „Ich sehe aus wie ein Penner“, sagte er, „aber so bin ich nicht. Ich kümmere mich um alles und jeden.“

Eines Abends, nachdem die Tüten und Taschen in seinem Fahrradanhänger mit Glasflaschen zu platzen drohten, schrieb er eine kurze Nachricht auf einen Zettel, rollte ihn zusammen, schob ihn in eine 0,33-Liter-Flasche Herrenhäuser, quetsche ein Stück Holz oben in den Hals und schickte die „Glastaube“ auf die Reise quer über den Maschsee. „Was hast du drauf geschrieben?“, fragte ich ihn, doch er winkte einfach nur ab und dann sah man wieder nur Sterne. „Sie wird es verstehen“, sagte Rainer und schob sein Fahrrad weiter zur nächsten Mülltonne.

Das Nordufer

Das Nordufer und der Weg zum „Stadion der Träume“

Das Schicksal wollte es so

Einen Abend später setzte sich eine einsame Frau, die die Seufzerallee herunter kam, auf einen Steg am Westufer und blickte in Gedanken an bessere Zeiten versunken übers trübe Wasser. Sie schien, ähnlich wie Rainer, auf sehr unkonventionelle Art und Weise mit der Realität umzugehen. Diese verschrobenen Persönlichkeiten finden sich immer und überall, auch wenn der eine nichts vom anderen weiß. Diese Frau hieß jedenfalls Helga, war siebenunddreißig, seit drei Jahren Single und verliebt in einen Mann namens Robert. Sie sah die Herrenhäuser Flasche auf dem See treiben, ganz nah am Ufer. Helga nahm sich einen Ast, um sie in die Finger zu bekommen. Sie zog das Holz aus dem Hals und schüttelte das Papierröllchen heraus. „Helga. Du hast mich nie verstanden. Ich liebe dich doch. Warum meldest du dich nicht einfach? Gruß, dein R.“

Leere Bank am Maschsee

Hier wäre noch ein Platz frei…

Konnte das denn die Möglichkeit sein? Helga musste sofort an ihren Robert denken. Ja, das musste er sein und diese Nachricht war für sie bestimmt. Sofort sprang sie auf und lief voller Tatendrang und pochendem Herzen nach Hause, um ihn anzurufen – doch Robert war nicht da. Also besprach sie seinen Anrufbeantworter. Während Robert mit seiner Frau Birgit Händchen haltend am Ostufer spazieren ging, hinterließ Helga auf dem AB folgende Nachricht: „Robert, ich habe deine Nachricht bekommen. Ich liebe dich auch und ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen.“ Zwei Stunden nach dem gemeinsamen, romantischen Spaziergang hörte Birgit den Anrufbeantworter ab und nicht mal eine Minute dauerte es bis sie wutentbrannt Robert zur Rede stellte und dabei seine Koffer packte. So weit ich weiß, hat er mittlerweile ein ähnliches Talent beim Pfandflaschen sammeln entwickelt, wie Rainer…

„Eine Seefahrt, die ist klassisch…“

Es war einem heißen Mittwochnachmittag als ich Rainer wieder einmal am Ostufer traf. Er war erneut mit seinem Fahrrad unterwegs, aber diesmal ohne Flaschen, dafür mit einem kleinen Minisegelboot in der Hand. „Das ist für meinen Enkelsohn“, sagte er. „Der badet gerade da hinten mit seiner Mutter im Maschseestrandbad. Er ist acht Jahre alt und liebt klassische Musik, am liebsten Mozart – eine kleine Nachtmusik. Vielleicht spielen sie es ja.“ Rainer wiegte stolz das kleine Segelboot in den Armen wie eine Mutter ihr Neugeborenes. Er verfrachtete ein kleines Radio ins Boot, stellte vorher den Klassiksender ein und setzte das winzige Segelschiff, das nicht größer als ein Schuhkarton war, aufs Wasser und ließ es treiben. „Da wird er sich bestimmt freuen, er liebt nämlich auch Segelboote. Er segelt sogar hier am Maschsee“, sagte Rainer und griff sich sein Fahrrad, um aufzusteigen. Bewundern kommt von wundern und ich tat ein wenig von Beidem. Ich sah Rainer kurz nach und beobachtete dann noch eine Weile das kleine Segelboot, wie es langsam von den kleinen Wellen über den Maschsee getragen wurde und klassische Musik spielte.

Blick über den Maschsee

„Up, up and away auf den Wellen hinüber…“ – Blick auf das Nordufer und neue Rathaus

Genau dieses kleine Segelboot traf knapp eine Stunde später auf der anderen Uferseite ein und weckte den 29-jährigen Dominik, der zwei Stunden zuvor auf einem Steg in der Nähe des Seebiergartens eingeschlafen war und nun mit einem derben Sonnenbrand zu tun hatte. „Verdammte Schei…“, doch weiter sprach er nicht, denn dann wurde er auf das kleine Segelboot aufmerksam aus dem Vivaldis dritter Satz aus dem Violinenkonzert „Sommer“ dröhnte, während im Kielwasser des Bootes vier Enten aufmerksam folgten.

Wenig später kam eine Windböe übers Wasser gefegt und kippte das Boot auf die Seite. Das Radio verstummte und das Segelboot ging schließlich unter. Das war der Moment in dem Dominik, ohne nachzudenken und mit all seinen Sachen, ins Wasser sprang, um nach dem Boot zu tauchen. Und um dann eine ganz merkwürdige Entdeckung auf dem Grund des Maschsees zu machen. Doch das ist eine andere Geschichte…

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales, Lokalitäten

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