Susanne Viktoria Haupt
20. Juli 2020

Im Epizentrum des spanischen Bürgerkriegs

Seitenansicht: „Weine nicht“ von Lydie Salvayre

Mit „Weine nicht“ beleuchtet Lydie Salvayre nicht nur Spaniens Vergangenheit während des Bürgerkriegs, sondern setzt auch ihrer eigenen Mutter ein literarisches Denkmal

Während ein Großteil der Welt in den 1930er- und 1940er-Jahren mit Angst und Sorge auf Deutschland blickte, focht Spanien seinen ganz eigenen Kampf aus. Zwischen 1936 und 1939 kämpften die Republikaner gegen die Nationalisten unter Francisco Franco. Doch während in Deutschland die Nationalsozialisten 1945 zu Fall gebracht wurden, gewannen in Spanien die Anhänger Francos und Portugals große Schwester blieb bis 1975 eine Diktatur. Ganz unschuldig war Deutschland daran übrigens nicht, denn es war kein Geheimnis, dass Hitler eine nationalistische Diktatur in Spanien begrüßte und auf den Hilferuf von Franco während des Bürgerkriegs mit finanzieller Zuwendung reagierte. Spanien hat seine eigenen dunklen Kapitel, und genau wie in Deutschland wird auch diese natürlich auch in der Literatur verarbeitet.

Die Autorin Lydie Salvayre ist nicht nur Ärztin und Psychiaterin, sondern auch die Tochter zweier Republik-Flüchtlinge. Während ihr Vater aus Andalusien stammte, wuchs ihre Mutter in Katalonien auf. Während des Bürgerkriegs packte ihre Familie die Sachen und floh in die Nähe von Toulouse. Schon von klein auf wurde Salvayres Leben von den Erinnerungen ihrer Mutter begleitet, die spanische Herkunft war stets präsent. Spanisch war auch Salvayres Muttersprache, Französisch lernte sie erst im Anschluss. Ihre Mutter selbst versuchte sich zwar an der französischen Sprache, sprach aber schlussendlich stets einen spanisch-französischen Mix und lies ihre Tochter an all den Erlebnissen während des spanischen Bürgerkriegs teilhaben. Auf Basis dieser Erinnerungen entstand 2014 Salvayres großer literarischer Erfolg „Weine nicht“, der mit dem Prix Goncourt bedacht wurde. Erzählt werden die Erlebnisse der 15-jährigen Montse, die zunächst im Sommer 1936 dem beginnenden Bürgerkrieg noch mit jugendlicher Nonchalance gegenübersteht, bis ihr eigener Bruder sich den sogenannten Anarchisten gegen Franco anschließt. Auf einmal ist Montse nicht nur ergriffen vom Einsatz ihres geliebten Bruders, sondern verweigert auch das Leben, was ihre Eltern eigentlich für sie geplant hatten. Dazu gehörte eine Anstellung als Hausmädchen und eine möglichst frühe Heirat.

Salvayre bleibt aber nicht bei der Perspektive ihrer damals noch jungen Mutter, sondern verwebt sie mit den Eindrücken des französischen Schriftstellers Georges Bernanos. Zwischen 1934 und 1937 lebte dieser auf Mallorca und hielt daraufhin mit seinem Werk „Die großen Friedhöfe unter dem Mond“ vor allem die Gräueltaten der Falangisten und der Jesuiten fest. Im stetigen Wechsel fliegt die Leserschaft also zwischen dem spanischen Festland und Mallorca hin und her und erlebt, wie eine ganze junge Generation leidenschaftlich versucht, aufzustehen, während sie von der anderen Seite brutal und unerbittlich wieder niedergedrückt wird. Das Besondere an Lydie Salvayres Roman ist, dass sie vor allem den Enthusiasmus, den ihre Mutter damals als 15-jährige verspürt haben muss, so glasklar herüberbringt, dass man die Begeisterung der jungen Menschen von damals nahezu verstehen kann. Denn genau so, wie sie sich damals alle radikalisiert hatten und zum Kampf bereit waren, so sehr glaubten sie auch an ein neues, und natürlich besseres Spanien, dass nun endlich die Früchte tragen soll, die ihre Väter und Mutter mühevoll gesät hatten.

Eine Lektüre für zwischendurch ist „Weine nicht“ ganz sicher nicht, denn durch den teilweise sprunghaften Perspektivwechsel, der auch nicht durch Kapitel-Einteilungen verdeutlicht wird, ist vor allem Aufmerksamkeit gefragt. Zudem handelt es sich hierbei nicht nur um eine bloße Nacherzählung der Erinnerung von Salvayres Mutter, sondern es wird auch einiges an Faktenwissen über den spanischen Bürgerkrieg vermittelt. Manch einem mag dies zu trocken sein, vor allem, wenn man einen straffen Roman erwartet. Wer allerdings tief in diese unheilvollen Jahre eintauchen und sich einiges an Wissen zulegen möchte, dem sei „Weine nicht“ an dieser Stelle empfohlen.

Lydie Salvayre: „Weine nicht“, Übersetzung von Hanna van Laak, 256 Seiten, Karl Blessing Verlag, ISBN-13: 978-3896675644, 19,99 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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