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Wenn Literatur sprachlos macht

Seitenansicht: „Die Einwilligung“ von Vanessa Springora

Das Schweigen gebrochen: Vanessa Springoras „Die Einwilligung“ schlägt weltweit Wellen

Als Vanessa Springora 13 Jahre alt war, hielten es alle um sie herum für völlig normal, dass der gefeierte Schriftsteller Gabriel Matzneff ein Auge auf das junge Mädchen geworfen hatte. Niemand störte sich daran, ganz im Gegenteil. Damals in den 1970er- und 1980er-Jahren war es den französischen Intellektuellen sogar wichtig, möglichst viele sexuelle Barrieren niederzureißen. Ganz gleich, ob sie damit moralische Grenzen, oder einfach die Grenzen des guten Geschmacks und des Kindeswohls überschritten. Auch Jean-Paul Sartre machte sich damals für eine Aufhebung des Verbots von Pädophilie stark und warb für mehr sexuelle Selbstbestimmung. Auch bei Kindern. Gabriel Matzneff selbst stand offen zu seiner „Liebe zu Minderjährigen“ und empfand dies sogar als wichtig für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Auch diese Äußerungen haben niemanden gestört. Nicht einmal bei Fernseh-Interviews.

Für Springora fühlten sich die Avancen des rund 30 Jahre älteren Mannes erst befremdlich, schlussendlich aber auch als Ehre an. Auf Grund ihres Alters verfiel sie seinem manipulativen Charme recht leicht. Sie wusste noch zu wenig über die Liebe und über sich selbst. Und vor allem zu wenig darüber, wie leicht es sich ein erwachsener Mann machen kann. Über wie viele Tricks er verfügt. Die beiden begannen eine Beziehung und man wartete auf den Aufschrei von allen Seiten. Man wartete darauf, dass Springoras alleinerziehende Mutter, die ebenfalls im Literatur-Millieu tätig war, sich schützend vor ihre Tochter wirft und das Verhalten des Schriftstellers anprangert. Vergeblich, es blieb leise. Um nicht zu sagen, sprachlos. Denn genau so sehr, wie „Die Einwilligung“ von Vanessa Springora nun nicht nur die französische Literatur-Welt aufgerüttelt hat, sondern sich wie ein Mahnmal mittlerweile weltweit durch den Literaturbetrieb zieht und alle sprachlos macht, genauso sprachlos waren offenbar die Menschen rund um Springora und Matzneff in den 1980er-Jahren. Aber nicht, weil diese Beziehung die Menschen erschütterte, sondern weil sie sie billigten.

Mittlerweile ist die Zeit eine andere und Matzneff wird für seine Taten gegenüber Minderjährigen zur Verantwortung gezogen werden. Helfen wird das den Opfern aber nicht mehr, da sie über Jahrzehnte hinweg den Machenschaften von vermeintlich Intellektuellen schutzlos ausgeliefert waren. Vanessa Springora sticht in diese bisher ignorierte Wunde des französischen Künstler-Millieus der 1970er- und 1980er-Jahre. Unerschrocken, detailliert, aber keinesfalls reißerisch, zeigt sie, wie und warum sie dem Spiel von Matzneff verfallen ist, wie sie sich lösen konnte und auf welche Art sie das Geschehene reflektiert. Eine Biographie, die mit Wucht ein ganzes System anklagt und damit einen weiteren Schandfleck des Literatur-Marktes aufdeckt. Nicht ohne Grund gibt es auch in Deutschland Diskussionen über Sexismus im Literaturbetrieb und eine hoffentlich noch viel lauter werdende #metoo-Diskussion im Poetry Slam. Es sind noch lange Wege zu gehen, aber das muss eben sein. „Die Einwilligung“ von Springora ist nur einer von vielen Beweisen dafür.

Vanessa Springora: „Die Einwilligung“, Übersetzung von Hanna van Laak, 176 Seiten, Karl Blessing Verlag, ISBN-13: 978-3896676832, 20 Euro

(Foto: Buchcover)

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