Susanne Viktoria Haupt
31. August 2020

Wo ist Rémi?

Mit „Trois jours et une vie – Drei Tage und ein Leben“ kommt ein facettenreicher Thriller auf die Leinwand. Das Kino am Raschplatz zeigt die Literatur-Verfilmung heute in einer Vorpremiere

Auf der Flucht vor den eigenen Taten und Erinnerungen: „Trois jours et une vie“ von Nicolas Boukhrief

In Serien wird gerne mit dem Motiv der schuldigen Stadt gespielt. Denken wir nur einmal an „Twin Peaks“ von David Lynch oder aber „Broadchurch“ von Chris Chibnall. In beiden Fällen steht eine ganze Kleinstadt unter Generalverdacht. Wer hat Laura Palmer getötet? Und wer hat den Tod von Danny Latimer verursacht? In der Literatur funktioniert dieses Motiv aber genauso gut. Der französische Schriftsteller Pierre Lemaitre sorgte bereits 2013 mit seinem preisgekrönten Roman „Wir sehen uns dort oben“ für Aufsehen. Drei Jahre später legte er mit „Drei Tage und ein Leben“ ordentlich nach und nun kommt diese Geschichte als Verfilmung in die Kinos. Im Zentrum des Romans, der sich irgendwo zwischen Kleinstadt-Thriller und Drama bewegt, steht das Verschwinden des sechsjährigen Rémi (Léo Lévy). Kurz vor Heiligabend scheint der Junge wie vom Erdboden verschwunden. Zuletzt gesehen hatte ihn der 12-jährige Nachbarsjunge Antoine (Jeremy Senez), aber dieser will nichts davon wissen. Die ganze Kleinstadt im Norden Frankreichs sucht nach dem Jungen und gerät gleichermaßen unter Generalverdacht. Eine Entführung scheint so sicher wie das Amen in der Kirche, und die Tat, das steht fest, muss einer aus Beauval selbst verübt haben.

Jahre später: Antoine (als Erwachsener: Pablo Pauly) ist nach seinem Schulabschluss schnell aus Beauval geflüchtet, aber die Erinnerungen an das Verschwinden von Rémi treiben ihn immer wieder nach Hause. Ganz gleich, was er für sein Leben plant, er steht immer im Schatten der Tat. Denn Rémis Leiche wurde nie gefunden, und so fressen die Geheimnisse Antoine nahezu auf. Und sein Leben nimmt im Zuge dessen einen ungeahnten Lauf, der ein Stück weit an schicksalhafte Fügung glauben lässt.

Regisseur Nicolas Boukhrief greift für „Drei Tage und ein Leben“ vor allem auf eine dunkle und kalte Farbpalette zurück. Der ohnehin schon undurchsichtige Wald, in dem Rémi verschwunden sein soll, erscheint so noch bedrohlicher. Die Gesichter der Bewohner*innen von Beauval lässt er fahl und verzweifelt wirken, aber gleichzeitig auch so, als ob jede*r zu einer solchen Tat in der Lage wäre. Wie ein Schleier legt sich das kollektive Schuldgefühl und die Verzweiflung über die Kleinstadt. Das Gute, so zeigt auch Boukhrief in der Verfilmung, wird genau dadurch erstickt. „Drei Tage und ein Leben“ hat eigentlich erst am 3. September seinen offiziellen Kinostart in Deutschland, ist aber heute in einer Vorpremiere im französischen Original mit Untertiteln im Kino am Raschplatz zu sehen.

Montag, 31. August 2020:
„Trois jours et une vie – Drei Tage und ein Leben“, Vorpremiere, Thriller von Nicolas Boukhrief, F/B 2019, 120 min., OmU, Kino am Raschplatz, Raschplatz 5, 30161 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 9 Euro, ermäßigt: 8,50 Euro

(Foto: Filmplakat)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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