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Mein imaginärer Freund Adolf

Im Apollo-Kino läuft heute Abend Taika Waititis „Jojo Rabbit“, eine satirische Tragikomödie über das Dritte Reich und den kleinen Hitlerjungen Jojo

Filmplakat Jojo Rabbit

Jojo ist ganz auf einer Linie mit seinem imaginären Freund Adolf Hitler, bis er entdecken muss, dass seine Mutter ein jüdisches Mädchen auf dem Dachboden versteckt: „Jojo Rabbit“, Filmplakat

Ob und wie über die Jahre des Dritten Reichs im Allgemeinen und über Adolf Hitler im Speziellen gelacht und sich lustig gemacht werden darf, wurde schon zur Genüge diskutiert, ohne dabei freilich zu einem einheitlichen Ergebnis zu kommen. Sind Gräueltaten irgendwann zu ungeheuerlich, um sie noch durch den Kakao ziehen und veralbern zu dürfen, oder sind Gräueltaten im Gegenteil irgendwann zu ungeheuerlich, um ihnen nicht mit Humor entgegenzutreten zu müssen? Dem Nationalsozialismus mit Witz und Spott zu begegnen, ist ungefähr so alt wie der Nationalsozialismus selbst. Gelacht wurde über die Nazis bereits, bevor sie in Deutschland an die Macht kamen, aber auch während des Dritten Reichs. Oppositionelle spotteten in Artikeln, Karikaturen oder Liedern, innerhalb der Bevölkerung machten Witze die Runde, natürlich vorsichtig hinter vorgehaltener Hand. Und auch im Ausland wurde gelacht: So wurde beispielsweise 1940 Charlie Chaplins „Der große Diktator“ in den Kinos gezeigt, drei Jahre später veröffentlichte Walt Disney die beiden Zeichentrickkurzfilme „Der Fuehrer’s Face“ und „Education For Death“, Satire wie Anti-Nazi-Propaganda gleichermaßen.

Auch nach Ende des Dritten Reichs ging die Auseinandersetzung auf humoristischer Ebene weiter. 1966 erschien der Roman „Wenn das der Führer wüsste“ des österreichischen Schriftstellers und Journalisten Otto Basil, in dem das Dritte Reich den Krieg gewonnen hat und sich mittlerweile immer mehr in seiner Nazi-Esoterik verliert. In Mel Brooks‘ Regie-Debüt „Frühling für Hitler“ (1968) wiederum soll ein durchgeknalltes Theaterstück Hitlers Taten rechtfertigen und so zu einem kalkulierten Flop werden, der sich für die Beteiligten finanziell auszahlen würde. Doch das Publikum sieht in dem Stück eine gelungene Satire auf die Nazis und lässt es stattdessen zu einem Erfolg werden. Mehrere Jahre später sollte Mel Brooks in der Neuverfilmung des Klassikers „Sein oder Nichtsein“ mitspielen, im Original 1942 unter der Regie von Ernst Lubitsch gedreht. Und in „Iron Sky“ von Timo Vuorensola haben sich die Nazis im Jahre 2018 in eine geheime Mondbasis zurückgezogen, während in Dani Levys Film „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ der Jude Adolf Grünbaum (Ulrich Mühe) zum (rhetorischen) Mentor des von Helge Schneider gespielten Hitlers wird. Im Roman „Er ist wieder da“, der von Timur Vermes geschrieben und später von David Wnendt verfilmt wurde, findet sich Hitler hingegen plötzlich im Berlin des Jahres 2011 wieder. Doch das sind natürlich längst nicht alle Werke, die sich mit dem Dritten Reich und Adolf Hitler mit Humor auseinandersetzen…

Auch der neuseeländische Regisseur und Drehbuchautor Taika Waititi, der einem breiteren Publikum durch sein Hollywood-Debüt „Thor: Tag der Entscheidung“ bekannt sein dürfte, hat sich in seinem Film „Jojo Rabbit“, der dieses Jahr in den deutschen Kinos anlief, mit dem Dritten Reich auseinandergesetzt. Er könne es kaum erwarten, ließ Waititi schon vor dem Dreharbeiten verlauten, die Nazis und ihre Ideologien zu veralbern. Auch in Hollywood rief sein Projekt durchaus Begeisterung hervor: Schon 2012 fand es sich auf der Black List, einer Liste der beliebtesten, bis dahin noch nicht verfilmten Drehbücher Hollywoods.

Bei „Jojo Rabbit“ handelt es sich um eine lose Adaption des Romans „Caging Skies“ von Christine Leunens – lose, da sich der Film der Rahmenhandlung des Buches – ein Hitlerjunge entdeckt, dass seine Eltern ein jüdisches Mädchen zu Hause verstecken – bedient, Waititi sich aber sonst weit von der Vorlage entfernt. Am deutlichsten wird das an seinem humoristischen Ansatz, der dem Buch gänzlich fehlt, ebenso wie der imaginäre Hitler, dessen Rolle Taika Waititi selbst übernimmt, und der für den jungen Jojo Betzler (Roman Griffin Davis) als Ratgeber und Vater-Ersatz dient, denn im Film ist Jojos Mutter (Scarlett Johansson) alleinerziehend, der Vater vermutlich an der Front.

Es ist 1945, der Krieg schon längst im Gange, doch von dessen Schrecken weiß der zehnjährige Jojo wenig. Er ist bekennender Anhänger des Nationalsozialismus und lernt bei der Hitlerjugend – die im Film wie eine pervertierte Slapstick-Version der Pfadfinder wirkt – wichtige deutsche Tugenden wie den Umgang mit Granaten oder das Abstechen von Juden in begriffen. Von den anderen Jungen wird er wegen seiner Schmächtigkeit als Hasenfuß verspottet, dabei will er sich doch nur als guter Nazi beweisen. Ihm zur Seite steht sein imaginärer Freund Adolf Hitler, mit dem er sich austauscht, Zwiesprache hält und der ihm väterlich Mut zuspricht. Doch eines Tages entdeckt Jojo, dass seine Mutter das jüdische Mädchen Elsa (Thomasin McKenzie) auf dem Dachboden versteckt. Als guter pflichtbewusster Nazi weiß er natürlich, was er zu tun hat, nämlich die heimliche Bewohnerin bei der Gestapo zu melden. Würde das nicht gleichzeitig auch Konsequenzen für seine Mutter nach sich ziehen. Es dauert nicht lange, bis Jojos Haltung langsam zu bröckeln beginnt, denn einerseits ist es für ihn schwer vorstellbar, dass seine Mutter etwas Unrechtes tut, auf der anderen Seite entspricht Elsa so gar nicht dem Bild einer Jüdin, wie es ihm beigebracht wurde.

Auch wenn der Trailer viel Klamauk und leichten Humor verspricht, ist „Jojo Rabbit“ nicht bloß eine alberne Klamotte, denn hinter dem satirischen Witz und in der Komödie steckt ebenso Tragik und Ernsthaftigkeit. Der Film erhielt durchaus gemischte Kritiken und Reaktionen, was bei dessen Thematik und Ansatz wahrscheinlich auch nicht sehr überraschend ist, aber auch viele wohlwollende Besprechung, die Tiefe und Dramaturgie loben. Auch für Taika Waititis Interpretation des imaginären Hitlers gab es Lob. Neben zahlreichen anderen Nominierungen und Auszeichnungen wurde „Jojo Rabbit“ bei der diesjährigen Oscar-Verleihung sechsmal nominiert, schließlich erhielt der Film eine Auszeichnung für das beste adaptierte Drehbuch. Ob der kleine Hype um Taika Waititis Film gerechtfertigt ist, davon kann sich heute Abend im Apollo-Kino überzeugt werden.

Donnerstag, 23. Juli 2020:
„Jojo Rabbit“, Spielfilm von Taika Waititi, USA/D 2019, 108 min., Apollo-Kino, Limmerstraße 50, 30451 Hannover, Beginn: 20.15 Uhr, Eintritt: 8 Euro, ermäßigt: 7 Euro

(Foto: Pressefoto)

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