Matthias Rohl
2. September 2010

Filmgeschichte(n): „Der schmale Grat“

Dieses Böse, woher kommt es? Über Terence Malicks elegisches Epos der Kriegshölle im Pazifik

Auf der Salomonen-Insel Guadalcanal im Pazifischen Ozean müssen 1942 während des Zweiten Weltkriegs zwei desertierte amerikanische Soldaten, die zuvor in ihrem Insel-Versteck von einem Patrouillen-Boot entdeckt wurden, ihren Dienst antreten. Es geht um einen höchst gefährlichen Auftrag: Ihre Einheit, eine US-Schützenkompanie, soll unter der Führung des rauhbeinigen Colonel Gordon Tall (Nick Nolte) einen japanischen Hügel-Vorposten erobern. Doch was zunächst wie ein strategischer Routine-Einsatz anmutet, entpuppt sich bald als Höllenkommando. In gut getarnten Bunker-Stellungen lauert der unsichtbare Gegner in Maschinengewehr-Nestern auf den anrückenden Feind. Und als die amerikanischen Soldaten, unter hohen Verlusten, die Anhöhe schließlich erobert haben, ist die Zeit der gefährlichen Patrouillen und blutigen Gefechte noch lange nicht vorbei…

“Der schmale Grat”, Filmplakat

Vom Krieg im Herzen der Natur: „Der schmale Grat“, Filmplakat

Tiefe und Textur

Im scharfen Gegenentwurf zu den hyperrealistischen Splatter-Exzessen in Steven Spielbergs kommerziell wesentlich erfolgreicherem „Der Soldat James Ryan“ (1998) schuf Regisseur Terrence Malick im gleichen Jahr mit „Der schmale Grat“ („The Thin Red Line“) seinem dritten Werk, ein elegisches Epos der Kriegshölle im Pazifik. Malick, geboren 1943 als Sohn eines Südstaaten-Öl-Managers, studierte zunächst in Harvard Philosophie und wirkte später als Journalist für den „New Yorker“. Nach seinen aufsehenerregenden Filmen „Badlands“ (1973) und „In der Glut des Südens“ („Days Of Heaven“, 1978), zog sich der vielleicht eigenwilligste Regisseur Hollywoods für nahezu zwei Dekaden aus der Öffentlichkeit zurück, hielt sich in den 80er und 90er Jahren als Drehbuchautor in Paris über Wasser, um nach dieser langen Absence mit seinem Kriegsdrama künstlerisch triumphal zurückzukehren.

Terrence Malick

Manischer Außenseiter in der etablierten Traum-Industrie: Terrence Malick am Set zu „Der schmale Grat

Auch wenn Terrence Malick der große kommerzielle Erfolg verwehrt blieb, die Kritiker urteilten einhellig positiv: „Im ausweglosen Grün tritt der Tod auf wie ein Vorkommnis im unendlichen Schauspiel der Natur“, resümierte „Die Zeit“, und „Sight and Sound“ lobte: „Als visuelles Spektakel erfüllt ‚Der schmale Grat‘ die Erwartungen, die durch ‚Badlands‘ und ‚In der Glut des Südens‘ geweckt wurden. Ohne Frage ist Malicks Fähigkeit, Bildern Tiefe und Textur zu verleihen, im zeitgenössischen Hollywood konkurrenzlos.“

Natur und Kultur

Malick, der manische Außenseiter in der etablierten Traum-Industrie, kontrastiert die Erhabenheit der schöpfenden Natur mit der Bestialität der menschlichen Kultur und findet für diese fundamentalontologische Differenz unvergessliche Bilder: das Rauschen des Windes in wiegenden, hüfthohen Grashalmen; ein Küken, das sich inmitten des hektischen Schlachtgetümmels ganz unverhofft in Großaufnahme wie im Todeskampf über den lehmigen Boden wälzt; ein Alligator, der durch algenübersätes Wasser gleitet und in einigen Naturvölkern als Symbol des Schöpfers gilt. Das sind die Fratze des Todes und die schwebende Poesie des Insel-Idylls. Dazu gesellt sich ein weiterer Kunstgriff des Regisseurs, der die ausgedehnten Voice-over-Sequenzen mit schwebenden Erinnerungs- und Sehnsuchtsbildern der Soldaten verknüpft und dem Zuschauer inmitten des chaotisch-brutalen Kampfgeschehens immer wieder Zeit zum innehaltenden Durchatmen und anthropologischen Reflexionen lässt: „Dieses Böse, woher kommt es, wie stiehlt es sich in die Welt? „Warum herrscht Krieg im Herzen der Natur? Warum bekriegt die Natur sich selbst? Kämpft das Land gegen die Seelen? Gibt es eine rächende Kraft in der Natur? Oder gibt es gar zwei?“

“Der schmale Grat”, Filmszene

Kampf ums Überleben im Insel-Idyll: First Sergeant Edward Welsh (Sean Penn) und seine Männer auf dem Weg zum nächsten Hügel

Auf Lyrik folgt Drastik: Wir werden Zeuge, wie sich ein GI über einen toten Japaner beugt und ihm, als Trophäe der Erniedrigung, mit seinem Kampfmesser die Goldzähne ausbricht – eine beklemmende Szene, die das Produzenten-Tandem Spielberg/Hanks in ihrer HBO-TV-Serie „The Pacific“ mehrfach zitiert hat. In all dieser visuellen Intensität spielt Nick Nolte, umringt von einem eindrucksvollen Star-Aufgebot mit geringer Gage und ungewohnt kurzen Auftritten, den Prototyp des „Mad General“. Er interpretiert seine Figur als ein überzeugend-psychotisches Helden-Hybrid aus Colonel Kurtz (Marlon Brando in Coppolas „Apocalypse Now“) und Captain Ahab (Gregory Peck in John Huston’s „Moby Dick“), dessen bedrohlich amoralischer Wahn die Männer ins Verderben führt – und die Einsicht in ein geheimes Gesetz der Evolution lehrt, derzufolge die Rache der Geschichte an jungen Phantasten darin liegt, dass sie die Gräuel mitansehen müssen, die im Namen ihrer patriotischen Ideale begangen werden.

nächste Folge:
„Saw“, „Hostel“, „Antichrist“ und Co.
Die Transzendenz des Angstlust-Kinos: über „Torture Porn“ und andere Perversionen

(Foto: Wikipedia, Pressefoto)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Film

Kommentiere diesen Artikel