Susanne Viktoria Haupt
6. September 2010

Die Unmöglichkeit der Nähe

Seitenansicht: „Silberfischchen“ von Inger-Maria Mahlke

Inger-Maria Mahlke: “Silberfischchen”, Buchcover

Inger-Maria Mahlke: „Silberfischchen“, Roman, Aufbau Verlag, 199 Seiten, ISBN-13: 978-3351033095, 16,95 Euro

Der Hobby-Fotograf Hermann Mildt ist herrschsüchtig, misstrauisch, verwitwet und lebt in Berlin. Früher war er einmal Polizist. Bis seine Frau starb und er sie im Garten liegen lies. Sie schenkten sich jedes Jahr zu Weihnachten gegenseitig neues WMF-Besteck. Seine Kollegen waren froh, als Mildt in Frühpension ging. Eines Tages trifft er Jana Potolski, eine Polin, die keine Papiere hat und zwar jünger ist als er, aber auch schon um die 50 Jahre alt. Er nimmt sie nicht freiwillig mit nach Hause, sie kommt einfach mit und quartiert sich auf seinem Sofa ein. Er nennt sie eine Illegale, sie ihn einen Herrenmenschen. Sie wäscht seine Wäsche, kocht und fegt. Dafür darf er ihre Brüste berühren. Im Bad. Auch wenn sich bei ihm nichts mehr regt. Er findet sie nicht attraktiv. Sie findet ihn eklig. Ihn und seine langen weißen Feinripp-Unterhosen. Er kommandiert sie herum und trotzdem bleibt sie.

Das literarische Debüt der Open-Mic-Preisträgerin Inger-Maria Mahlke irritiert und verstört. Es ist die Geschichte einer Begegnung zweier einsamer Menschen und eine pointierte Betrachtung zur Unwahrscheinlichkeit der Nähe und des Glücks. Scharf und mit erzählerischer Dichtheit seziert die Autorin die diffuse Beziehung zweier Individuen, denen es an Herz und an Freude fehlt. Dafür aber nicht an Direktheit. Das alles ist mit einfachen Worten erzählt, unpeinlich und pointiert.

„Seitenansicht – die Kritik zum Einstecken“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius, wo sie als Postkarte erhältlich ist.

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Kategorien: Literatur

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