Jörg Smotlacha
17. August 2020

Die Nacht, die alles verändert

Seitenansicht: „Am Strand“ von Ian McEwan

Ian McEwan: "Am Strand", Buchcover

Von großer erzählerischer Wucht: „Am Strand“ von Ian McEwan

Ian McEwan ist ohne Frage einer der bedeutendsten britischen Schriftsteller der Gegenwart, einer der bekanntesten ohnehin. Der studierte Philologe, der einen Bachelor of Arts in englischer Literatur besitzt, erhielt so ziemlich jede Auszeichnung, die im englischsprachigen Literaturbetrieb möglich ist – vom Somerset Maugham Award über den National Book Critics Circle Award bis hin zum Booker Price -, und ist auch im benachbarten europäischen Ausland äußerst populär: der Prix Femina Étranger und die Goethe-Medaille zeugen davon.

Doch beeindruckender als all diese Preise ist die Vielfalt des Werkes von McEwan, die immer wieder aufs Neue überrascht. Zuletzt verblüffte der unter anderem in Singapur und Libyen aufgewachsene Autor 2019 mit der ebenso unterhaltsamen wie hellsichtigen Technik-Satire „Maschinen wie ich“, in welcher der Held des Buches, der etwa dreißigjährige Lebenskünstler Charlie, sich den lebensechten Androiden Adam ins Haus holt und prompt in die Bredouille gerät, als der Gefühle für Charlies Freundin Miranda entwickelt. Wobei der Kunstgriff des Buches darin bestand, dass McEwan die Handlung in das Jahr 1982 verlegte und so eine hat Retro-Futurismus erzielte. Nur um dann noch im selben Jahr die Brexit-Groteske „Die Kakerlake“ zu verfassen, eine bitterböse Abrechnung mit der aktuellen britischen Politik.

McEwan ist ohne Frage ein äußerst fantasievoller Autor und manchmal erscheinen die Plots seiner Romane daher auch beinahe haarsträubend – „Maschinen wie ich“ wurde genau dies vorgeworfen -, doch ohne Frage reizt der Brite die Grenzen der Literatur immer wieder gekonnt aus, wie beispielsweise im bereits 1978 erschienen Werk „Der Zementgarten“, in dem die vier Minderjährigen Julie, Jack, Sue und Tom die Leiche ihrer Mutter verschwinden lassen, um weiter zusammenleben zu können, und die beiden ältesten Geschwister Julie und Jack schließlich ein inszestuöses Verhältnis entwickeln. 1993 wurde „Der Zementgarten“ von Andrew Birkin mit Charlotte Gainsbourg und Andrew Robertson in den Hauptrollen verfilmt.

Erst jüngst filmisch verarbeitet wurde ein anderer Roman Ian McEwans: „Am Strand“, der 2007 geschrieben, vor drei Jahren unter der Regie von Dominic Cooke in die Kinos kam. „Am Strand“ handelt von der jungen Liebesgeschichte zwischen Edward Mayhew und Florence Ponting, die aus sehr unterschiedlichen Elternhäusern stammen. Edwards Mutter ist schwer hirngeschädigt und der Vater müht sich aufopferungsvoll, seine drei Kinder zu ernähren, während Florence aus einer sehr wohlhabenden konservativen Familie stammt.

Edward und Florence haben sich im England des Jahres 1962 auf einer politischen Veranstaltung kennengelernt und lieben sich sehr, mehr noch: Sie erkennen eine gewisse Wesensverwandschaft ineinander. Doch als die beiden heiraten, bekommen sie ein großes Problem: Edward und Florence haben ganz unterschiedlichen Gefühle für das, was sich in der Hochzeitsnacht nun endlich vollziehen soll. Edward hat bisher vergeblich versucht, Florence auch sexuell näherzukommen. In der Hochzeitsnacht ist er stark erregt, während Florence geängstigt und geradezu abgestoßen ist von dem, was sie auf sich zukommen sieht. Schließlich eskaliert die Situation, als die beiden über die Situation zu sprechen versuchen: am Strand. Und diese Nacht verändert das Schicksal der Liebenden für immer.

„Am Strand“ ist eher eine Novelle als ein Roman und ist ein Paradebeispiel für eine kurze Story mit einer „unerhörten Begebenheit“ im Goetheschen Sinne. Doch natürlich ist die Hochzeitsnacht nur der Mittelpunkt des Buches und lange nicht sein Ende, denn Ian McEwan gelingt es, seine Charaktere und ihre Milieus in zahlreichen Rückblenden psychologisch packend zu entwickeln und plausibel darzustellen, warum beide Hauptfiguren subjektiv logisch handeln, aber ihr Gegenüber doch objektiv völlig falsch interpretieren. Und so verliert sich eine große Liebe tragischerweise aufgrund der Unfähigkeit, zu kommunizieren, aus den Augen, während „Am Strand“ gleichzeitig auf schmalen 200 Seiten eine große erzählerische Wucht entfaltet. Sehr lesenswert!

Ian McEwan: „Am Strand“, 207 Seiten, Diogenes, ISBN-13: 978-3257237887, 10 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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