Sebastian Albrecht
23. August 2020

Sexarbeit an der Landstraße

Das Apollo-Kino zeigt heute der Film „Lovemobil“ von Elke Margarete Lehrenkrauss, eine Dokumentation über mobile Prostitution in Niedersachsen

Begleitet die jungen Frauen Milena und Rita und gibt einen Einblick in die Welt der mobilen Prostitution: „Lovemobil“, Filmplakat

Wer auf deutschen Land- und Ausfallstraßen unterwegs ist, stößt immer wieder auf am Straßenrand stehende Wohnmobile oder Wohnwagen. Bizarr, manchmal heruntergekommen, und wie verlassen stehen sie am Tag da, während nachts Lichterketten in Fahrerkabinen und Innenräumen sie wie nicht minder bizarre Raumschiffe oder futuristische mobile Behausungen gescheiterter Protagonisten aus einem Cyberpunk-Film wirken lassen. Lovemobile, wie die Wohnwagen und Wohnmobile genannt werden, sind mobile Bordelle und befinden sich normalerweise am Rande oder etwas fernab der Stadt. In kaltes Neonlicht getaucht, sitzen die Frauen im Front ihrer Wagen und warten auf ihre Freier – ein Bild, das wirklich aus einer dystopischen Zukunft entstammen könnte, jedoch schon lange das Landschaftsbild prägt. Auch in Niedersachsen.

Elke Margarete Lehrenkrauss, bildende Künstlerin und Dokumentarfilmerin, ist in Gifhorn geboren und aufgewachsen. Auch für sie sind die Wohnwagen auf der Landstraße zwischen Gifhorn und Wolfsburg ein Teil ihrer Heimat, über den man jedoch – außer vielleicht als Freier – wenig bis nichts weiß. Lehrenkrauss‘ 2019 erschienener Dokumentationsfilm „Lovemobil“ soll das ändern. Dabei stellte es sich als schwierig heraus, Protagonistinnen für den Film zu finden: Zuerst ging Lehrenkrauss von Tür zu Tür, bekam aber erstmal nur Absagen. Nicht uninteressant: Später Freier zu finden, die sich beim Sex mit den Prostituierten filmen lassen, war hingegen kein großes Problem. Schließlich lernte Lehrenkrauss Milena und Rita kennen, zwei junge Frauen aus Bulgarien und Nigeria, die sich bereit erklärten, sich für den Film begleiten zu lassen.

Was bei Diskussionen pro oder contra Prostitution häufig zu kurz kommt: Es gibt nicht nur selbstbestimmte Sexarbeit oder Ausbeutung bis hin zur Zwangsprostitution, sondern eben beides. Milena und Rita, das wird schnell klar, befinden sich auf der Schattenseite. Beide kommen aus Ländern, in der Armut weit verbreitet ist, beide kamen sie nach Deutschland, um den armen Verhältnissen zu entfliehen, doch schnell merkten sie, dass es nicht so einfach ist, in Deutschland Geld zu verdienen. Ihr „freiwilliger“ Einstieg in die Prostitution ist ein vergifteter und ein Resultat von Zwängen und mangelnden Möglichkeiten. Aus Hingabe oder Leidenschaft haben weder Milena noch Rita diesen Job gewählt – ihr Widerwille wird mehrmals im Verlaufe der Dokumentation deutlich.

Da wären zum einen die Freier: Immer härter, immer mehr, respektloses Verhalten, mangelnde Körper-Hygiene, „Nachverhandlungen“ nach Bezahlung, Drohungen, Gewalt. Das gilt natürlich nicht für alle. Doch ein großer Teil von ihnen, so formuliert es Rita an einer Stelle im Film, sähe in ihnen längst nicht mehr den Menschen, für sie sei der Gang zu einer Prostituierten nichts anderes als der Einkauf im Supermarkt. Sehr wählerisch zu sein, können sich die Frauen jedoch nicht leisten. Offiziell haben sie keinen Zuhälter im Rücken, doch sind die Wohnwagen meist nur gemietet, eine Tagesmiete von 50-70 Euro nicht ungewöhnlich. Die Vermieter bieten einen gewissen Schutz, schauen regelmäßig vorbei, kümmern sich um die Wohnmobile und bringen manchmal auch Nahrungsmittel mit. Aber sie bedeuten auch Druck, denn die tägliche Miete kassieren sie unabhängig davon, ob die Frauen viel verdient haben oder nicht.

Wer mehr über die spannende, aber durchaus auch deprimierende Thematik erfahren möchte, hat dazu heute im Apollo-Kino Gelegenheit: Die mehrfach prämierte Dokumentation „Lovemobil“ von Elke Margarete Lehrenkrauss ist dort am frühen Abend zu sehen.

Sonntag, 23. August 2020:
„Lovemobil“, Dokumentation von Elke Margarete Lehrenkrauss, D 2019, 103 min., Apollo-Kino, Limmerstraße 50, 30451 Hannover, Beginn: 18 Uhr, Eintritt: 8 Euro, ermäßigt: 7 Euro

  • weitere Vorführungen:
  • Montag, 24. August, 20.15 Uhr
  • Samstag, 19. September, 18 Uhr
  • Samstag, 24. Oktober, 18 Uhr

(Foto: Filmplakat)

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Kategorien: Film, Politik, Tagestipps

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