Sebastian Albrecht
28. August 2020

Von der schwersten und seltensten Tugend

Auf der Hinterbühne feiert das Stück „Alles, was recht ist… und ich hab’s!“ von der Theatergruppe Fragmente seine Premiere

Theaterstück Alles, was recht ist... und ich hab's!

Die Frage nach Recht und Unrecht ist nicht selten eine der Perspektive: „Alles, was recht ist…“

Gerechtigkeit ist nur auf den flüchtigen ersten Blick eine klare Angelegenheit: Wer in einem Rechtsstaat lebt, für den besteht die Möglichkeit, diese gegebenenfalls vor dem Gesetz einzuklagen, denn der Rechtsstaat schützt seine Bürger*innen vor Willkür. Anders sieht es hingegen in einer Diktatur oder einem Polizeistaat aus: Gerechtigkeit ist nicht gewährleistet, die Bürger*innen sind potenziell Willkür ausgesetzt. Doch ganz so einfach ist es häufig nicht. Nicht immer ist die Zuteilung zu Rechts- oder Polizeistaat klar. Und auch in einem Rechtsstaat können Ungerechtigkeiten gegen dessen Bürger*innen nicht zwangsläufig ausgeschlossen werden, wie in Deutschland zum Beispiel im Fall von Gustl Mollath, der 2006 in den psychischen Maßregelvollzug eingewiesen wurde – zu unrecht, wie sich später herausstellte. Ein Rechtsstaat soll Ungerechtigkeiten jedoch immerhin minimieren und, wenn diese entdeckt werden, beenden und die Betroffenen dafür entschädigen.

Die aktuellen Diskussionen über Polizeigewalt in Deutschland und den USA werfen aber die Frage auf, ob wirklich für alle Bevölkerungsgruppen und -schichten gleiches Recht gesprochen wird. Und wie sieht es mit Ländern wie Polen und Ungarn aus, die der EU angehören und offiziell als Demokratien gelten, sich aber immer mehr in eine totalitäre Richtung bewegen? Kann es in politischen Systemen – ob Demokratie, Autokratie, Monarchie oder ein anderes System – überhaupt eine allumfassende Gerechtigkeit geben? Wer verfügt über sie, wer sorgt dafür, dass sie auch eingehalten wird? Natürlich gibt es Gerechtigkeit nicht nur in der Beziehung zwischen einem Staat und den in ihm wohnenden Menschen, sondern auch im Privaten, beispielsweise zwischen Eltern und ihren Kindern oder unter Freund*innen. Und nicht jeder Fall eines Nachtischs, der mal wieder vermeintlich zu Unrecht dem jüngeren Geschwisterkind zugesprochen wurde, wird am Ende in einem Gerichtssaal entschieden.

Es ist also schwerlich möglich, dem Thema Gerechtigkeit beziehungsweise Recht haben gänzlich gerecht zu werden und schon gar nicht in einem einzelnen Theaterstück. Dies ist der passende Stoff für das Amateurtheater Fragmente um deren Leiter Günter Zinke, dessen Ziel es auch gar nicht ist, eine endgültige Antwort auf die Frage nach Gerechtigkeit zu geben – wie der Name der Theatergruppe schon andeutet, geht es ihr vielmehr um Teil-Aspekte und unterschiedliche Sichtweisen zu einer Fragestellung. Heute Abend feiert das Stück „Alles, was recht ist… und ich hab’s!“ auf der Hinterbühne seine Premiere und macht selbst keine Ausnahme: Es ist als Anregung, als Anstoß gedacht, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen – Antworten soll hingegen jeder selbst finden.

Freitag, 28. August 2020:
„Alles, was recht ist… und ich hab’s!“, Theaterstück der Gruppe Fragmente, hinterbühne, Hildesheimer Straße 39a, 30163 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 12 Euro, ermäßigt: 8 Euro

  • weitere Vorführungen:
  • Samstag, 29. August, 20 Uhr
  • Freitag, 25. September, 20 Uhr
  • Samstag, 26. September, 20 Uhr

(Foto: Pressefoto/hinterbühne)

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Kategorien: Bühne, Politik, Tagestipps

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