Susanne Viktoria Haupt
2. September 2020

Die Freuden der Vergebung?

Aufwühlend und wichtig: Das Kino am Raschplatz zeigt heute das vieldiskutierte Drama „Yalda – A Night For Forgiveness“ von Massoud Bakhshi

Ein Film, der seine Zuschauer*innen fassungslos zurücklässt: „Yalda“, Filmplakat

Maryam Komijani (Sadaf Asgari) ist gerade einmal Anfang 20, aber dennoch hat sie schon mehr Leid hinter sich, als man sich vorstellen kann. Mit 14 Jahren verstirbt ihr Vater, und die Familie ist fortan ohne das Oberhaupt auf sich alleine gestellt. Der ehemalige Chef ihres Vaters, der 65-jährige Nasser Zia, der bereits eine erwachsene Tochter hat, will sich fortan um die junge Maryam kümmern und sie finanziell unterstützen. Dazu bietet er ihr eine sogenannte „Ehe auf Zeit“ an, die es erlaubt, einem Mann mehrere Frauen gleichzeitig zu ehelichen, ohne aber das Privileg zu haben, später einen Erbanspruch zu besitzen. Maryam willigt ein, und auch wenn sie Nasser eher wie einen Vater zu lieben beginnt, hat sie Sex mit ihm und wird schon früh schwanger. Das Kind soll allerdings nach der Geburt verstorben sein und Maryam bleibt allein in Zias Familie. Bis zu jenem Tag, an dem sich ein schrecklicher Unfall ereignet und Zia an den Folgen verstirbt. Maryam wird unter Mordverdacht verhaftet und zum Tode verurteilt, ihre Aussichten erscheinen hoffnungslos.

Was jetzt folgt, ist so unfassbar wie wahr, denn Regisseur Massoud Bakhshi hat sich für sein Drama „Yalda – A Night For Forgiveness“ von realen Ereignissen inspirieren lassen. Im Iran gibt es ein Reality-TV-Format, das den eingängigen namen „Joy of Forgiveness“ trägt. Dort werden verurteilte Sträflinge und die Hinterbliebenden ihrer Opfer eingeladen. Vergeben die Hinterbliebenden den vermeintlichen Täter*innen, wird die Todesstrafe in eine Haftstrafe umgewandelt. Denn im Iran gilt: Vergeben die Beschädigten, ist eine Todesstrafe nicht mehr rechtsgültig, da die Schuld in diesem Sinne getilgt wurde. Zusätzlich kann auch Blutgeld gezahlt werden. Bakhshi hörte im Zuge dieses Formats von einer jungen Frau, die wegen Mordes zum Tode verurteilt wurde und auf Vergebung hoffte.

Folglich word auch Maryam in „Yalda“ ins Fernsehstudio eingeladen und muss sich Mona (Behnaz Jafari), der Tochter ihres verstorbenen Ex-Mannes stellen. Während Mona hart bleibt, ist Maryam dem Produktions- und Regie-Stab nicht unterhaltsam genug. Ihre Tränen sind zu unecht, ihre Bitten kommen nicht authentisch genug herüber, und viel zu oft lässt die junge Frau durchblicken, dass nicht sie die Täterin, sondern das Opfer in dieser Lage ist. Mit großer Mühe versuchen die Macher der Show daher, Maryam zur idealen Kandidatin zu formen. Ihr Leid rückt gänzlich in den Hintergrund. Dass es hier um Leben oder Tod geht, scheint niemanden mehr zu interessieren. Unterhaltung und Quote haben oberste Priorität. Für Bakhshi, der bereits einige Dokumentar- und Kurzfilme gedreht hat, ist „Yalda“ erst der zweite Spielfilm und direkt ein großer Erfolg. Die aufwühlende Geschichte rund um Maryam erhielt auf dem Sundance Film Festival die Auszeichnung mit dem Grand Jury Prize im World Cinema Dramatic Competition und wurde für den Amnesty International-Filmpreis nominiert.

Besonders schonungslos geht Bakhshi hier auf die prekären Verhältnisse der Frauenrechte im Iran ein, die nach wie vor vornehmlich durch die Scharia bestimmt werden. Sogenannte „Ehrenmorde“ sind theoretisch straffrei und bestimmte Berufe für Frauen einfach nicht zu erreichen. Das Konzept der Zeit-Ehe ist an sich schon schlimm genug, kann allerdings sogar gegen die Einwilligung der Frau geschlossen werden und macht Vergewaltigungen somit ebenfalls straffrei. Obgleich viele Frauen sich gegen diese ungerechten Gesetzgebungen wehren, ist bisher keinerlei Besserung in Sicht. Im Gegensatz: Immer häufiger kommt es zu Verurteilungen von Frauenrechtsaktivistinnen und auch zu Säure-Anschlägen auf Frauen, die sich nicht im Sinne der Sitten-Politik kleiden. Dass eine junge Frau also ohne einen halbwegs akzeptablen Prozess auch noch zum Tode verurteilt wird und innerhalb eines Reality-Formats um Vergebung betteln muss, die ihr allerdings ausschließlich den Tod erspart, nicht aber eine Haftstrafe, ist ein Grauen ohne Gleichen. Gezeigt wird „Yalda – A Night For Forgiveness“ im Original heute im Kino am Raschplatz.

Mittwoch, 2. September 2020:
„Yalda – A Night For Forgiveness“, Drama Massoud Bakhshi, Iran/F 2019, 89 min., OmU, Kino am Raschplatz, Raschplatz 5, 30161 Hannover, Beginn: 20.45 Uhr, Eintritt: 9 Euro, ermäßigt: 8,50 Euro

  • weitere Vorführungen in der deutschen Sprachfassung:
  • Mittwoch, 2. September, 16 Uhr
  • Sonntag, 6. September, 12 Uhr
  • Montag, 7. September, 19.15 Uhr

(Foto: Filmplakat)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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