Susanne Viktoria Haupt
3. September 2020

Ein Urgestein

Unangepasste Szene-Größe: Hollow Skai ist heute auf der Kulturwiese zu Gast

Hannover, Punk und Rio Reiser: Heute liest Autor und Journalist Hollow Skai auf der Kulturwiese

Bei aller Liebe zu Abstandsregelungen, Mund-Nasen-Schutz und Empfehlungen zur Desinfektionen muss man ganz klar sagen, dass die politische Riege hinsichtlich der Sicherung der Kulturbranche in der Krise geradezu lächerlich versagt hat. Da werden Millionen in die Luftverkehrsbranche gepumpt, wobei auch an dieser Stelle bis heute noch nicht alle Kund*innen ihr bereits gezahltes Ticketgeld zurückerhalten haben, aber ganze Institutionen und vor allem Freischaffende und Künstler*innen der Kulturbranche fallen vom Tisch. Hier kippen die Verhältnismäßigkeiten ins Absurde. Man fühlt sich ein wenig wie dieser alte Lappen im Wäschekorb, bei dem mehrfach überlegt wird, ob man den nun noch mit in die Maschine stopft, oder aber nochmal ein bis zwei Wochen vergehen lässt, weil man ihn gerade eh nicht benötigt. „Kann noch warten“, scheint das allgemeine Credo zu sein. Lediglich staatliche Kultur-Institutionen können sich ein winziges Stück in Sicherheit wägen, wenn auch nur rudimentär. Der Rest kann stempeln gehen, oder muss um Spenden bitten. Wie beispielsweise Feinkost Lampe e.V., der in den vergangenen Jahren die hannoversche Kulturlandschaft um neue Sphären erweitert hat, welche die Landeshauptstadt ohne diesen Verein niemals zu Gesicht bekommen hätte. All das, was einst mal cool und gewollt war, all das Unangepasste, was die Kulturszene lebendig und hip machte, hängt nun in einer Warteschleife mit ohrenbetäubender Blaskapellen-Musik. Es ist nicht so, dass alle Künstler*innen gerade Bock auf eine Corona-Party mit musikalischer Begleitung haben. Aber es muss andere Wege geben als die Schließung von unabhängigen Spielorten in Kauf zu nehmen oder aber Arbeitslosengeld beantragen zu lassen. Andere Wege als eine Soforthilfe, die für viele undurchsichtig und in einigen Punkten auch nicht lebensnah gedacht war.

Mit Freude, aber auch mit einem bitteren Beigeschmack kann derzeit beobachtet werden, wie sich die hannoversche Kulturszene aus sich selbst heraus zu rehabilitieren versucht. Es wird gespielt, wo gespielt werden kann. Es werden neue Konzepte erarbeitet und Spielorte umgelegt, um alle Hygiene-Maßnahmen einzuhalten. Ein Aufwand, der nur funktioniert, weil die Verantwortlichen etwas können, was auf politischer Ebene oftmals unmöglich scheint: Das Ziel im Auge zu behalten und gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Auf diesem Wege kam auch die Kulturwiese zustande, die nun bereits seit fast einem Monat auf der sonst als Faust-Wiese bekannten Grünfläche stattfindet. Sichtbar und vor allem für alle. Für heute holten sich die Veranstalter*innen ein ganz besonderes Urgestein auf die Bühne. Hollow Skai, mit bürgerlichen Nahmen Holger Poscich, ist Autor, Journalist und Musikproduzent. Einst war er Chefredakteur des jüngst verblichenen Schädelspalters, arbeitete als Kulturjournalist beim Stern und gründete zudem das ehemalige hannoversche Musiklabel No Fun Records. Er schrieb über Rio Reiser, die Toten Hosen und hielt die Geschichte des Punk fest. Hollow Skai steht daher nicht nur für Hannover, sondern auch für Punk und New Wave. Bereiche, die nicht gerade für Angepasstheit und Stille stehen – und genau das ist es, was auch heute noch auf die Bühne gehört und was derzeit auch gehört werden muss. Das ist draußen, das wird gut und wenn Ihr schlussendlich auf den freien Eintritt verzichtet, und einen kleinen Obolus in den Hut wandern lasst, tragt auch Ihr einen Teil dazu bei, dass die Kulturbranche bei der Stange gehalten wird.

Samstag, 8. August 2020:
Lesung von und mit Hollow Skai, Kulturwiese, Faust-Wiese, Zur Bettfedernfabrik 3, 30451 Hannover, Einlass: 17.30 Uhr, Beginn: 18 Uhr, Eintritt frei/pay what you can

(Foto: Pressefoto/Kulturzentrum Faust)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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