Susanne Viktoria Haupt
6. September 2020

Klint vor Kandinsky

Die Dokumentation „Jenseits des Sichtbaren“ zeigt den unsichtbaren Weg der Künstlerin Hilma af Klint im Schatten der männlich dominierten Kunstgeschichte

Lange ungesehen: Der Dokumentarfilm „Jenseits des Sichtbaren“ von Halina Dyrschka beschäftigt sich mit dem Leben und Schaffen der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint

Das Selbstbewusstsein von Wassily Kandinsky hätte ich durchaus auch gerne an dem ein oder anderen Tag. Schließlich war er Zeit seines Lebens der Überzeugung, dass das allererste abstrakte Gemälde aus seiner Feder, Verzeihung, aus seinem Pinsel stammen würde. Kandinsky war, so glaubte man lange Zeit in der Kunstgeschichte, die Geburtsstunde der abstrakten Malerei in persona. Das Schöne an der Wissenschaft, und dazu zählt nun mal auch die Kunstgeschichte, ist der Umstand, dass es in ihrem Naturell liegt, wiederlegt zu werden. Sein oder ihr eigenes Süppchen zu kochen, auf Austausch zu verzichten und die eigenen Thesen für unantastbar zu halten, entspricht zwar leider vielen Gemütern in den Wissenschaften, stellt aber nicht Basis der Charakteristika dar. Und so kam es, dass der schwedische Kunsthistoriker Åke Fant, nachdem man über so lange Zeit von der Ausnahmestellung von Kandinsky überzeugt gewesen war, in den 1980er-Jahren die schwedische Malerin Hilma af Klint präsentierte. Eine begnadete Künstlerin, die den Zugang zur abstrakten Kunst nicht nur über spirituelle beziehungsweise okkulte Einflüsse gefunden hatte, sondern auch einfach früher dran war als Kandinsky. Genau genommen 1906 statt 1911. Eva vor Adam. Klint vor Kandinsky. Nichts mit Rippe. Seit diesem Zeitpunkt wird sie mit Kandinsky nicht nur in einem Atemzug genannt, sondern gilt gleichermaßen als die Pionierin der abstrakten Kunst. „You go Girl!“, würde man nun sagen, wäre Klint nicht leider bereits 1944 verstorben.

Dass Frauen mit ihrem künstlerischen Schaffen gerne mal unter dem Radar von Öffentlichkeit und Wissenschaft fliegen musste, ist leider nichts Neues. Man muss nur an die jüngste Aktion des Verlags Baileys in Kooperation mit dem Women’s Prize denken, die den knackigen Namen „Reclaim her Name“ trägt und literarische Werke, die einst von Frauen unter männlichen Pseudonymen veröffentlicht wurden und nun mit Klarnamen herausgebracht wurden. Nicht selten, ganz gleich, ob in der Kunst, der Literatur, Musik oder im Schauspiel wurden und werden Frauen Opfer von Sexismus. Chancengleichheit ist ein vager Traum. Galionsfiguren wie beispielsweise Frida Kahlo genießen daher nicht nur postum große Aufmerksamkeit aufgrund ihrer außerordentlichen künstlerischen Leistung, sondern auch auch wegen des Umstandes, dass sie sich als Frau selbstbewusst und stark in Männerdomänen positionieren konnten.

Die Hochhaus-Lichtspiele zeigen heute den Dokumentarfilm „Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint“ von Halina Dyrschka über die schwedische Künstlerin. Thematisiert wird dabei nicht nur ihr Werdegang, sondern auch die Umstände, die Klints Kunst noch leiser machten, als sie ohnehin schon war. Und auch, dass es auch noch heute Kurator*innen gibt, die innerhalb abstrakter Schauen weibliche Künstlerinnen wie Klint immer noch übergehen.

Sonntag, 6. September 2020:
„Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint“, Dokumentarfilm von Halina Dyrschka, S/D 2019, 97 min., Hochhaus-Lichtspiele, Goseriede 9, 30159 Hannover, Beginn: 11 Uhr, Eintritt: 8,50 Euro, ermäßigt: 8 Euro

(Foto: Filmplakat)

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Kategorien: Film, Kunst, Tagestipps

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