Susanne Viktoria Haupt
7. September 2020

Ein Schrecken mit zu wenig Schrecken?

Seitenansicht: „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr

Durchdacht bis auf den letzten Punkt: Anthony Doerrs „Alles Licht, das wir nicht sehen“

1991 veröffentlichte Art Spiegelman seine monumentale Graphic Novel „Maus“. Vorab, aber auch im Nachhinein gab es darüber hitzige, emotional aufgeladene Diskussionen. Gegenstand der Graphic Novel war nämlich der Holocaust, basierend auf der Autobiographie von Spiegelmans Vater, der in Auschwitz um sein Leben zu bangen hatte. Und nun kam die Frage auf, ob dieses dunkle Kapitel der Geschichte tatsächlich in einem „Unterhaltungsformat“ der Literatur, dem Comic, dargestellt werden darf. Comics, so die damalige Meinung, sind trivial. Sie stehen in unmittelbarer Verbindung mit Superhelden und Superschurken. Dass sie ihren Ursprung zwar in der Unterhaltung, aber auch im Geschehen des Zweiten Weltkriegs hatten, spielte bei dieser Argumentation keine Rolle. Aufgabe von Comic-Figuren wie beispielsweise Captain America war die Kriegspropaganda. So kämpfte er nicht nur gegen namenlose Superschurken, sondern auch gegen Nazis, und warb um Patriotismus beim amerikanischen Publikum.

Will Eisner, der Namensgeber des berühmten Eisner Awards für Comics, hatte bereits 1978 mit „Ein Vertrag mit Gott und andere Mietshaus-Stories aus New York“ gezeigt, dass ein Comic respektive eine Graphic Novel sich durchaus an ernste Themen heranwagen kann und auch sollte. Er verarbeitete in diesem Zyklus den Tod seiner Tochter. Die Darstellung von Mäusen, die nun von Nazi-Katzen in Konzentrationslager gesteckt wurden, war vielen Kritiker*innen und Literaturwissenschaftler*innen dann aber doch zu viel. Dennoch wurde, und das völlig zu Recht, 1992 der Pulitzer Prize erstmalig an eine Graphic Novel verliehen und das ehemals triviale Unterhaltungsgenre dadurch ordentlich aufgewertet. Heute weiß man es besser. Comics gelten nicht mehr nur als trivial und wir fragen nicht mehr danach, ob der Holocaust in dieser oder jener Form dargestellt werden darf, sondern auf welche Weise er dargestellt wird. Daran kann und sollte man sich ausreichend abarbeiten.

Auch Anthony Doerrs Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ wurde für seine Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs stark kritisiert. Als Amerikaner, der nicht direkt von den Kriegsleiden oder dem Holocaust betroffen war, wurde ihm vor allem vorgeworfen, genau diesen grauenvollen Abschnitt der Geschichte zu Unterhaltungszwecken ausgeschlachtet zu haben. Dem Pulitzer Prize, den er 2015 für diesen Roman bekam, warf man in Folge dessen mangelndes Niveau vor. Doerr, so die Kritiker*innen, hätte den Schrecken des Krieges und des Holocausts sowie die Machenschaften der Nazis mit seinem sentimental aufgeladenen und konstruierten Roman vollständig verschluckt. Das einstige Grauen wäre ästhetisiert worden. Kein Ritterschlag für Doerr, der seine Figuren auf über 500 Seiten durch mehr als zwei Dekaden jagt.

Im Mittelpunkt seines Romans stehen der deutsche Waise Werner und die französische Halbwaise Marie-Laure, die zudem schon früh erblindet ist. Marie-Laure lebt mit ihrem Vater, der für die Schließanlagen im dortigen Naturkundemuseum zuständig ist, in Paris. Ihre Leidenschaft gilt zum einen der Tierwelt, allen voran den Schnecken, aber auch den großen Eckpfeilern der Abenteuer-Literatur, unter anderem „20.000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne. Werner hingegen lebt mit seiner kleinen Schwester Jutta in einem Waisenhaus in Essen. Sein Interesse gilt der Radio-Technik. So repariert er ein defektes kleines Radio und hört mit seiner Schwester heimlich französische Wissenschaftssendungen. Als sein Talent zunehmend in den Fokus der Nazis gerät, wird er dazu ermutigt, sich für ein nationalsozialistisches Internat zu bewerben. Dort werden nicht nur die Talente der Jungen gefördert, sondern gleichermaßen der Geist für den Kampf im Dienste des Vaterlandes vorbereitet.

Während Werner, der eigentlich mit der Ideologie der Nazis nichts am Hut hat, sich nun in Schulpforte in Sachsen-Anhalt zum Funktechniker ausbilden lässt, muss Marie-Laure mit ihrem Vater von Paris ins bretonische Saint-Malo flüchten. Nichts ahnend, dass sich im Gepäck des Vaters eventuell ein sagenumwobener Schatz, nämlich das „Meer der Flammen“ befinden könnte. Ein Diamant, so rein und mächtig, dass er dem Menschen, der ihn bei sich trägt, unendliches Leben verspricht. Allerdings auf Kosten seiner Liebsten. Der Krieg ist allgegenwärtig und bestimmt fortan die Leben der beiden jungen Menschen. Werner muss mit ansehen, wie die vermeintlich „Schwachen“ um ihn herum systematisch aussortiert werden und bereits im Internat großes Leid erfahren. Noch bevor Werner an die Front geschickt wird, sträubt sich jede Faser in seinem Körper gegen diesen Krieg. Gleichzeitig weiß er nun allerdings auch, was mit jenen passiert, die sich ihm verwehren. Marie-Laure hingegen muss ihren Vater ziehen lassen und bleibt alleine mit ihrem vom Ersten Weltkrieg traumatisierten Onkel Etienne und seiner kampfbereiten Haushälterin Madame Manec im besetzten Saint-Malo.

Und nun nimmt Anthony Doerr die Geschichten dieser beiden jungen Menschen und führt sie langsam und mit sehr viel Spannung zusammen. Ja, da ist sehr konstruiert – und es ist zudem ein Wunder, dass man sich zwar schon die Filmrechte für diesen Film gesichert hat, aber noch kein Hollywood-Blockbuster abgedreht wurde. In „Alles Licht, das wir nicht sehen“ sitzt jeder Satz. Doerr weiß ganz genau, wie er wo ansetzen muss, um die Spannung ins nahezu Unerträgliche zu steigern. Und zwar so weit, dass die 500 Seiten wie im Flug vergehen und man das Buch kaum aus den Händen legen kann. Doerr zeigt, dass er erzählen kann, so viel steht fest. Man muss tatsächlich eingestehen, dass der Schrecken auf Kosten der Spannung an Wucht verliert. Wir leiden mit, wenn Werners bester Freund als „Schwächling“ der Truppe aussortiert und fast zu Tode geprügelt wird. Und wir spüren die Bedrohung durch die Nazis merklich, wenn Marie-Laure sich zu kleinen Botengängen der Résistance durch die Stadt auf den Weg macht. Denn wir wissen, dass sie gerade als Erblindete in ein fürchterliches Opferschema der Nazis passt. Die Spannung allerdings, wie und wann Werner und Marie-Laure aufeinander treffen, ob das „Meer der Flammen“ tatsächlich echt ist, und ob der Krieg zumindest für diese beiden gut ausgeht, überlagert all jene Passagen, die hier und da die Gräueltaten der Nazis zur Sprache bringen.

Anthony Doerr hat mit „Alles Licht, das wir nicht sehen“ zwei Dinge geschafft. Einerseits hat er großes Erzähltalent auf Hollywood-Niveau bewiesen, andererseits aber auch den Zweiten Weltkrieg tatsächlich auf einen dann doch moralisch zweifelhaften Unterhaltungswert heruntergebrochen. So gut dieser Roman also auch konstruiert ist, so sehr ist er doch mit Vorsicht zu genießen. Denn wie man ganz richtig bereits in den 1990er-Jahren erkannt hatte, geht es hierbei nicht um die Verpackung, sondern um den Inhalt und seine Darstellung. Aus diesem Blickwinkel ist „Alles Licht, das wir nicht sehen“ leider kein großartiger historischer Roman über den Zweiten Weltkrieg, sondern eine eher an der Oberfläche kratzende Unterhaltung, die der Thematik einfach nicht gerecht wird.

Anthony Doerr: „Alles Licht, das wir nicht sehen“, Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence , 519 Seiten, C.H. Beck, ISBN-13: 978-3406680632, 19,95 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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