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Pleasure and pain

Seitenansicht: „Was zu dir gehört“ von Garth Greenwell

Ein Debüt, das seine Leserschaft mit Schwermut zurücklässt: „Was zu dir gehört“ von Gart Greenwell, Buchcover

Es ziemt sich eigentlich nicht unbedingt, eine Headline auf Englisch zu formulieren, wenn es sich doch um eine deutschsprachige Rezension handelt. Auch dann eigentlich nicht, wenn der Autor des Romans Amerikaner ist. Allerdings passt die Alliteration „Pleasure and pain“ perfekt zu dem 2016 erschienenen Roman „Was zu dir gehört“ von Garth Greenwell. Denn hier geht es vor allem um Befriedigung und Schmerz, aber auch um Scham, Lust und Liebe. Der namenlose Erzähler in Greenwells Roman ist Amerikaner und arbeitet als Lehrer an einer hochangesehenen Schule in Sofia, Bulgarien. Eines Abends lernt er auf der öffentlichen Toilette im hiesigen Kulturpalast den jungen Prostituierten Mitko kennen. Der Lehrer ist von Mitko direkt angetan und von seinem entwaffnenden Lächeln verzaubert. Mitko nutzt die Toilettenräume vor allem, um auf potentielle Freier zu treffen. Er ist jung, aber die letzten Jahre als Prostituierter unterhalb der Armutsgrenze haben ihm bereits deutlich zugesetzt. Nur schwerlich schafft er es noch, angemessen auf sein Äußeres zu achten. Meist wird er von einer Alkoholfahne begleitet, und der Umstand, dass er trotz des einsetzenden Verfalls immer noch einen der attraktivsten Prostituierten darstellt, verleiht ihm Macht über seine Freier und auch über den Lehrer.

Mitko spielt mit ihm. Zu Beginn lässt er ihn deutlich spüren, dass er nicht auf sein Geld angewiesen ist, sondern die Freier sich nach ihm verzehren. Wenn er den Lehrer zu Hause besucht, setzt er sich wie selbstverständlich an seinen Laptop und chattet mit anderen Freiern. Er macht keinen Hehl daraus, dass er am selben Tag bereits einige Männer bedient hat. Noch hält er sich mit seiner Sexualität zurück, sondern schmiegt bei jeder sich bietenden Gelegenheit seinen Unterleib an den Lehrer. Erst als es Mitko körperlich immer schlechter geht und er sich auch nur noch schwer mit dem wenigen Geld über Wasser halten kann, das er einnimmt, versucht er die freundschaftlichen Bande zum Lehrer zu pflegen und appelliert stets an sein Verantwortungsgefühl. Fast neigt man dazu, dem Amerikaner mit Wut zu begegnen, da er sich wohlwissend um den Zustand von Mitko auf ihn einlässt und seine Situation nahezu schamlos auszunutzen versteht. Doch als Mitko während eines gemeinsamen Wochenendes am Meer nicht mehr nur auf den Sex reduziert werden will, macht der Lehrer ihm klar, dass es aber genau das sei, wofür er ihn schließlich bezahlt.

Pars pro toto?

Hinter dem Erzähler steckt allerdings noch viel mehr Schmerz und Scham, als zunächst vermutet, und nur spärlich rückt er mit den Details seiner eigenen Geschichte heraus. Nach Bulgarien kam er nicht etwa wegen der attraktiven Stelle, sondern als ein Mittel zur Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit. Seine Eltern trennten sich früh und er lebte fortan bei seinem Vater, der sich nur selten zugänglich zeigte. Als herauskam, dass er, der einzige Sohn, schwul war, schmiss sein Vater ihn aus dem Haus. Nicht aber, ohne ihm vorab jedes Gefühl von Wert zu nehmen. Fortan war die eigene Sexualität stets mit Scham und Ekel verknüpft. Ein Umstand, der leider gerade in Bezug auf Homosexualität noch oft vermittelt wird. Und so suchte er in den öffentlichen Toiletten und schlussendlich in den Armen von Mitko genau das, was sein Vater ihm mit auf den Weg gegeben hatte: Befriedigung und Schmerz.

Garth Greenwell hat mit „Was zu dir gehört“ ein starkes Bild mit Nachklang erschaffen. Er zeigt auf, wie uns bereits frühe Bewertungen in vertrauten Beziehungen nachhaltig verändern können und Einfluss auf jede künftige Bindung und Begegnung nehmen. Er zeigt, wie sehr in manchen Köpfen immer noch die Verbindung von Sexualität und Scham besteht und wohin uns genau diese Verknüpfung treiben kann. Immer wieder trifft der Lehrer auf Menschen, die ihm mal mit Ekel, mal mit übertriebenen Anstand, oder auch mit herzlicher Fürsorge begegnen. Einzig und allein auf Grund des Umstands, dass er schwul ist. Aber genau diese Formulierung ist vielleicht sogar ein Teil des Problems. Während er für einige eben „einfach schwul ist“, was als Teil seiner Persönlichkeit akzeptiert und respektiert wird, ist er für andere „schwul“. Totalitär in aller Wertigkeit. Und in diesem Falle als absolute Abwertung verstanden. Hier wird, wie es nun mal noch zu oft geschieht, Sexualität als dominierendes Persönlichkeitsmerkmal und damit leider gleichzeitig als Makel begriffen.

Das ist die zweite Ebene, auf die Greenwell seine Leserschaft führt. Dass Sexualität, wird sie als dominierendes Persönlichkeitsmerkmal verstanden und gewertet, sich bei den betreffenden Menschen auch als eben dieses einprägt. So verlässt sich Mitko einzig und allein auf seine sexuelle Anziehungskraft und kokettiert konsequent mit seiner Lust auf den Geschlechtsakt. Genauso verhält es sich auch beim Lehrer, der sich als gesamte Person einzig und allein aufgrund seiner sexuellen Neigung und den damit verbundenen Aussagen seines Vaters als beschmutzt und minderwertig betrachtet. Und für beide scheint es kaum einen Ausweg aus der schamerfüllten Dunkelheit zu geben, in der sie sich befinden. „Was zu dir gehört“ ist ein Roman, dem man Zeit geben muss. Greenwell erzählt gerne und hält die Sequenzen gerne für Beobachtungen an, die man zunächst angesichts ihrer Länge zu überfliegen droht. Aber in all jenen Momenten, seien es ein Strandspaziergang oder aber die Zugfahrt mit seiner Mutter, verrät uns Greenwell noch mehr über seinen Protagonisten, über dessen Vergangenheit und darüber, was uns als Menschen formt. Ein gelungenes Debüt, das auf sprachliche Schnörkel verzichtet, und außerdem die intensive Innenansicht seines Protagonisten durch eine klare, aber dennoch emotionale Sprache zu vermitteln weiß.

Garth Greenwell: „Was zu dir gehört“, Übersetzung von Daniel Schreiber, 240 Seiten, Hanser Literaturverlag, ISBN-13: 978-3446258525, 22 Euro

(Foto: Buchcover)

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