Susanne Viktoria Haupt
7. September 2020

Kunst für den Burgfrieden

Kunst als Propaganda? Aber klar! Die Kunsthistorikerin Dr. Anette Brunner erklärt heute in der Stadtbibliothek Hannover, wie Max Liebermann und Co. einst für den Krieg warben

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Lithographische Stimmungsmache: Von 1914 bis 1916 vereinte die von Paul Cassirer herausgegebene „Kriegszeit“ Kunst und Krieg

Denken wir an die Rolle der Künstler*innen vor und während der beiden Weltkriege, werden unsere Gedankengänge stark von Begriffen wie Bücherverbrennung und Exil beherrscht. Künstler*innen betrachten wir tendenziell als eine bedrohte Gruppe, die es damals wie heute zu schützen gilt. Sie waren es, die sich breitbeinig gegen Krieg und Nationalsozialismus stellten. Ihre Stimmen gelten als Reflektoren der Unterdrückung, ihre Werke als kritisches Leuchten in der Dunkelheit. Und jenen Künstler*innen, die beispielsweise während des Nationalsozialismus Stimmung für das Dritte Reich machten, wurde im Anschluss schnell jeglicher ästhetische Anspruch abgesprochen. Kunst darf propagieren, aber nur in die moralisch und ethisch vertretbare Richtung. Sonst ist es keine Kunst mehr. So zumindest oftmals die Meinung.

Ganz so einfach war und ist es allerdings nicht, denn schon während des Ersten Weltkriegs wurden Künstler*innen gerne für Kriegspropaganda eingespannt und ließen sich einspannen. Grund dafür war vor allem der mangelnde Rückhalt innerhalb der Gesellschaft. Populäre Meinung war, dass dem Volk der Krieg aufgezwungen wurde und dieses keine Lust hatte, Väter und Söhne in den Schützengraben zu schicken. Um diesen Rückhalt allerdings herzustellen, motivierten Herausgeber wie der Berliner Kunsthändler Paul Cassirer ihre Künstler*innen zu Werken, die möglichst für den Krieg Stimmung machen sollten.

Max Liebermann, der genau wie Cassirer jüdischer Herkunft war, sah im Konzept der „Kriegszeit“ die ideale Möglichkeit, um seinem flammenden Patriotismus Raum zu geben. Liebermann sah in diesem Ersten Weltkrieg vor allem die Möglichkeit, das Volk wahrhaftig zu einen und soziale Differenzen abzubauen. Ein nobler Gedanke, zugegeben. Aber genau wie Cassirer, der sich sogar mit 43 Jahren dann noch selbst zum Dienst an der Waffe meldete, musste auch Liebermann erkennen, dass ein Krieg nun mal ein Krieg ist und tausende von Opfern fordert. Und auch, dass ein Krieg kein Mittel ist, um ein Volk zu einen. 1916 wurde die wöchentlich erscheinende „Kriegszeit“ dann bereits wieder eingestellt und von deutlich pazifistischeren Schriften abgelöst.

Was bleibt, ist dennoch die Erinnerung an jene Künstler*innen, die für einen gewissen Zeitraum mit ihren Werken versuchten, die Bevölkerung vom Krieg zu überzeugen. Dazu gehörten neben Max Liebermann beispielsweise auch Käthe Kollwitz, Max Beckmann, August Paul und Willy Jaeckel. Über den zwiespältigen Versuch, mittels Kunst einen Burgfrieden herzustellen und gleichermaßen Kriegspropaganda zu betreiben, spricht heute die Kunsthistorikerin Dr. Anette Brunner in der Stadtbibliothek Hannover. Denn ja, die Bibliothek kann sich nun endlich auch wieder für ihre begehrten Vortragsreihen öffnen. Zum Zuhören und zum Mitreden. Wer heute Lust auf einen kunsthistorischen Exkurs hat, muss sich allerdings angesichts der Corona-Pandemie telefonisch oder via E-Mail anmelden. Ansonsten steht einem gehaltvollen Abend nichts im Wege.

Montag, 7. September 2020:
„Kriegszeit. Künstlerflugblätter aus den Jahren 1914 – 1916“, Vortrag von Dr. Anette Brunner, „Stadtbibliothek aufgeschlossen“, Stadtbibliothek Hannover, Hildesheimer Straße 12, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Wikipedia.de/gemeinfrei)

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Kategorien: Kunst, Politik, Tagestipps

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