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So nimm, Gerechtigkeit, denn deinen Lauf!

Mit Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ hat heute eine der absurdesten Gerichtsverhandlungen der deutschen Literaturgeschichte Premiere im Schauspielhaus

Kämpfen beide auf ihre Weise um die Würde des Gerichts: Dorfrichter Adam (Werner Wölbern) und Gerichtsrat Walter (Mohamed Achour)

Es ist kein guter Morgen für den Dorfrichter Adam (Werner Wölbern). Er hat sich den Kopf gestoßen und den Fuß verletzt. Eine seiner zwei Perücken ist beim Perückenmacher, die andere unauffindbar. Am liebsten möchte er im Bette bleiben und seine Wunden lecken. Doch heute ist Gerichtstag. Mit kahlem Schädel ein unausgesprochenes No-Go. Da meldet ihm Gerichtsschreiber Licht, dass der Gerichtsrat Walter (Mohamed Achour) zwecks Revisionsbereisung und Kassenprüfung im Anmarsch ist. Ein anderes Kaliber als der bisherige Gerichtsrat Wacholder. Eigentlich hätte Walter schon da sein müssen, doch im Nachbardorf ist er aufgehalten worden. Dort wurden Richter und Schreiber suspendiert, einer der Arrestierten hing sich auf. Kein gutes Omen. Doch das Allerschlimmste: Statt sich sofort über die Bücher zu machen, nimmt sich Gerichtsrat Walter die Zeit, um sich die Gerichtsverhandlung anzuschauen.

Ein vermeintlich harmloser Fall: Frau Marthe Rull verklagt ihren Schwiegersohn in spe, den Bauernsohn Ruprecht, bei einem späten Besuch bei Tochter Eve ihren schönen Krug zerbrochen zu haben. Doch dieser bestreitet das vehement. Mit den Worten „So nimm, Gerechtigkeit, denn deinen Lauf!“ eröffnet Dorfrichter Adam das Verfahren. Aber immer wieder muss Gerichtsrat Walter eingreifen, denn Adam missachtet alle Regeln eines ordentlichen Gerichtsverfahrens. Und der anfänglich harmlos anmutende Fall eines zerbrochenen Kruges wird immer verworrener und mysteriöser. Schließlich nimmt die Gerechtigkeit seinen Lauf, doch anders als Dorfrichter Adam dies vermutet hat…

„Der zerbrochene Krug“ von 1808 wurde zwar mit Lustspiel tituliert, doch hat das Heinrich von Kleists Stück nichts mit dem Klamauk à la Ohnsorg Theater gemein. Es ist ein Spiel um Wahrheit und Wahrheitsfindung, bei dem sich zunächst viele Rätsel auftun: Was weiß der Gerichtsschreiber Licht? Warum schweigt Tochter Eve? Wen hat Zeugin Brigitte gesehen? Was ahnt Gerichtsrat Walter? Und schließlich gibt es eine Spur mit Klumpfuß. Hat hier etwa der Teufel seine Hand mit im Spiel? Neben diesen für die Handlung spannenden Fragen sollte das Stück eigentlich Pflichtlektüre für angehende Juristinnen und Juristen sein. Denn die Prozessführung des Dorfrichters ist ein Anschauungsunterricht dafür, wie man es nicht machen sollte. Schließlich steht aber auch, und das ist gerade in Zeiten von Fake News sehr spannend, die Frage im Raum, ab wann die eigenen Lügen sich zu subjektiven Wahrheiten wandeln.

Sonntag, 20. September 2020:
„Der zerbrochne Krug“, Theaterstück von Heinrich von Kleist, Premiere, Inszenierung von Lisa Nielebock, Schauspielhaus Hannover, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover, Beginn: 19 Uhr, Eintritt: 24 bis 49 Euro

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Kerstin Schomburg)

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