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Eine Jugend in der Steinwüste

Seitenansicht: „Legenden“ von Sylvain Prudhomme

Etwas holperig, aber so sind Steinwüsten eben: „Legenden“ von Sylvain Prudhomme, Buchcover

Denkt man an Südfrankreich, werden sofort Bilder von duftenden Lavendel-Feldern, frischem Baguette und rauschenden Wellen abgerufen. Südfrankreich, das ist eben die Provence und natürliche die Côte d’Azur. Das sind auf der einen Seite pittoreske Momente und auf der anderen Seite ein Hauch Glamour. So zumindest die Klischees. Dass Südfrankreich aber auch ganz anders kann, weiß nur, wer auch wirklich mal so richtig intensiv vor Ort war. Wer durchs Land gezogen ist, am besten ohne Plan, aber mit einem Zelt. Dann weiß man, dass die Provence im Sommer auch mal ungemütlich heiß werden kann, dass man schnell weit ab vom Schlag ist und nicht überall der duftende Lavendel blüht. Wie beispielsweise in der Crau, der Schottersteppe nordöstlich der Camargue. Genau hier hat Sylvain Prudhomme seinen Roman „Legenden“ verortet. Schon das alleine ist ein mittelschwerer Bruch, wollen doch Romane rund um die Provence möglichst den Mythos aufrechterhalten.

Um Mythen, oder besser gesagt um Legenden geht es denn auch bei Prudhomme. Sein Roman erzählt von den beiden Freunden Nel und Matt. Matt hat ein unfassbar gutes Händchen, wenn es um neue Geschäftsideen und kreativen Output geht. Deswegen möchte er auch unbedingt eine Dokumentation über den ehemaligen Club „Chu“, der von den 1960ern bis in die 1980er-Jahre der Szene-Treffpunkt inmitten der Crau war. Dort fand das Nachtleben mit all seinen ulkigen, extravaganten Figuren statt. Nicht selten kam es zu Problemen mit der Anwohnerschaft und ebenfalls nicht selten zu Problemen mit der Polizei. Wer seine Jugend in dieser Zeit in der Crau erlebt hat, der kannte das Chu. Matt versucht daher vor allem, Zeitzeugen zu finden, die ihm von den Legenden rund um den Club berichten. Nel, der in der Crau aufwuchs, kennt die Legenden rund um den Club nicht nur sehr gut, sondern war durch seine zwei feierwütigen und lebenslustigen Cousins auch indirekt mit ihnen verbunden. Matts intuitives Bohren in Nels Familiengeschichte bringt allerdings nicht nur interessante und zum Teil schillernde Geschichten hervor, sondern belastet auch zunehmend die Freundschaft der beiden.

Es ist nicht ganz so einfach, in Prudhommes Roman einzusteigen. So holperig, wie man sich eine Schottersteppe vorstellt, so holperig ist auch oftmals sein Schreibstil. Nur schwerlich findet man eine echte Nähe zu Matt oder Nel. Und genauso schwer entfaltet sich der Zauber rund um den Club: „Die Ehemaligen ergingen sich in Superlativen. Der Manadier dagegen sprach von der Chu wie von einer Stammkneipe, einer bloßen kleinen Bar, die er gern geheim gehalten hätte. […] Man hatte zugehört, wie er von seinen Erinnerungen an die Siebzigerjahre erzählte, wie er die Chu als Tempel des damaligen Zeitgeistes beschrieb, dieses allgegenwärtigen Hangs zum Spiel, zur Übertretung von Gesellschafts- und Altersschranken, von Genre-Schranken, musikalisch, architektonisch oder modisch, und natürlich von Geschlechtergrenzen.“

So richtig in die Geschichte hinein kommt man also nur schwer, aber das Potential eines unkonventionellen Geschichtenerzählers mit der notwendigen Portion Mut hat Sylvain Prudhomme auf alle Fälle. Mal erzählt er aus der Perspektive von Matt, dann von Nel, dann wieder von der Position eines anonymen, aber allwissenden Erzählers aus. Und auch, wenn sich die Stimmen von Matt und Nel nicht vollständig klar voneinander unterscheiden lassen, wird dennoch im Laufe des Romans eine gewisse Ahnung von den Wesenszügen der beiden vermittelt. Wer sich trotz aller Stolpersteine mit „Legenden“ in die Crau wagt, wird trotz aller Ecken und Kanten mit einigen Sternstunden überrascht, denn die Geschichte rund um Nels beide Cousins hat durchaus ihren Reiz und auch Prudhommes Neujustierung der Freundschaft von Matt und Nel spiegelt reales Miteinander wider. Ganz verloren ist der Weg also nicht.

Sylvain Prudhomme: „Legenden“, Übersetzung von Claudia Kalscheuer, 256 Seiten, Unionsverlag, ISBN-13: 978-3293005440, 22 Euro

(Foto: Buchcover)

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