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Fragmente einer unsicheren Welt

Seitenansicht: „Über mir die Sonne“ von Alessio Torino

Behutsam und ehrlich: In „Über mir die Sonne“ zeigt Alessio Torino die unsichere Welt der Erwachsenen aus Kindersicht

In jedem Leben eines Menschen gibt es diesen einen Sommer, der alles verändert. Dieser eine Sommer, der Klarheit bringt, der alles bisher Dagewesene durcheinander wirbelt, der den Übergang von der kindlichen Welt zu der der Erwachsenen darstellt. In diesem einen Sommer entledigen wir uns der kindlichen Naivität, der allumfassenden Geborgenheit und blicken das erste Mal mit ernstem Blick auf unsere Umgebung. Für Tina in Alessio Torinos Roman „Über mir die Sonne“ ist es jener Sommer, nachdem herauskam, dass ihr Vater eine zwanzigjährige Geliebte namens Laura hat. Laut Aussage ihrer Mutter ist die Geliebte kein junger Ersatz für sie selbst, sondern deshalb so jung, weil ihr Mann einfach nicht erwachsenen werden will. Ihre Mutter nennt die Geliebte schlicht und ergreifend „nichts“.

Um der Krise daheim zu entfliehen, verbringt die achtjährige Tina den Sommer gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Bea und ihrer Mutter auf der italienischen Insel Pantelleria. Wohnen tun sie in einem für die Insel typischen Dammuso, einer robusten Steinhütte, die auch vor den stärksten Winden schützt. Während Tina hin- und hergerissen ist, ob sie ihren Vater vermissen oder aber ihn fortan verachten soll, muss sie sich noch mit vielen weiteren neuen Umständen herumschlagen. Zum Beispiel, dass sie auch hier auf der Insel stets zunächst für einen Jungen gehalten wird. Und das alles nur, weil sie mit ihren acht Jahren noch keinen Bikini tragen möchte und am liebsten mit einem Kescher im Meer Quallen einfängt. Ihre Zwillingsschwester Bea hingegen ist nicht nur sehr feminin, sondern auch etwas frühreif. Nur zu gerne benutzt sie Nagellack, posiert am Strand und hat sich vor allem in den erwachsenen Stefano verknallt, der mit seiner Freundin Pari ebenfalls Urlaub auf der Insel macht. Für Bea sind alle Frauen „Schlampen“ und eine Gefahr. Pari ist so eine, denn schließlich ist sie mit Stefano zusammen. Laura ist eine, denn sie hat ihr den Vater weggenommen, und als ihre Mutter mit dem emotional instabilen, aber liebenswerten Charles anbandelt, ist auch ihre Mutter schlussendlich in ihren Augen nichts mehr als eine „Schlampe“.

Nebendraußen stehen

Tina verkriecht sich derweil am liebsten bei Andre, einem Restaurant-Betreiber von außerhalb, der es immer noch schwer auf Pantelleria hat. Wer von außerhalb kommt, wird nur schwer akzeptiert. Vor allem dann, wenn derjenige sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze der Insel hält. Andre serviert seinen Gästen barfuß, lädt gerne zum Tanz ein und vertreibt auch schon mal Gäste, die ihm nicht in den Kram passen. Auf Pantelleria fühlt er sich eigentlich pudelwohl, wären da nicht die Anfeindungen. In Tina hat er allerdings eine liebenswerte Verbündete, die ihm beim Entfernen der Schuppen von den Fischen hilft und mit ihm spielerisch durch die Küche tanzt. Aber alles an diesem Urlaubskonstrukt ist fragil und gerät mehr und mehr ins Wanken, je mehr Tina den Erwachsenen zuhört und sie beobachtet. Zum Beispiel eben, dass ihre Mutter häufiger die Hand auf den Arm von Charles legt. Oder aber, dass Charles wohl seine Frau an Krebs verloren hat und seitdem tief traurig ist. So traurig, dass er wohl immer irgendetwas vorhat, wobei Tina nicht weiß, was das genau ist. Nur eben, dass ihre Mutter ganz oft mit den anderen Besucher*innen des kleinen Restaurants darüber spricht und dabei einen sehr besorgten Blick auflegt. Oder aber die Momente, in denen sie Begriffe wie „vögeln“ aufgreift und nicht genau weiß, was das bedeuten soll. Nur eben, dass ihre Schwester sehr wohl eine Vorstellung davon hat und die Menschen dabei komische Geräusche machen. So halt auch Stefano und Pari.

Aber am schlimmsten trifft es Tina, wenn sie andere Gäste über sich und ihre Familie reden hört. Darüber, dass ihre Mutter es jedem auf die Nase bindet, dass ihr Vater eine jüngere Geliebte hat. Dass ihre Mutter wie eine Rally-Fahrerin fährt und sich ihre Schwester bereits „wie ein Flittchen“ aufführt. Und dass sie, Tina, wohl ganz tiefliegende Probleme hätte, das würde man schließlich sehen. Ihre Schwester, so prophezeit ein Pärchen, wird ohnehin mal Magersucht bekommen und sich die Arme aufschlitzen, so wie es „solche Mädchen“ immer machen. Die wichtigsten Dinge sind aber jene, die die Erwachsenen in Anwesenheit der Kinder höchstens andeuten, aber niemals aussprechen. Erzählt aus der Perspektive von Tina, für die diese Andeutungen größtenteils schlichte Rätsel sind, müssen auch die Leser*innen ab und an mehr mitdenken, um das kodierte Wirrwarr der Erwachsenen zu entschlüsseln. Die Welt der Erwachsenen ist für die Kinder nur als Fragment verfügbar und Tina ist schon zu alt, um die Lücken mit wilden Phantasie-Geschichten zu füllen. So verbleibt sie irgendwo auf der Schwelle stehen, schaut zu und fühlt sich zunehmend isoliert, weil selbst ihre Schwester schon mehr Verständnis von dieser undurchsichtigen Welt zu haben scheint.

Leben ohne Fixpunkte

Dieses „Nebendraußen stehen“ macht „Über mir die Sonne“ so bedeutungsvoll. Auf zarten 160 Seiten erleben wir völlig ungeschönt, wie die Welt auf Kinder wirken kann. Wir sehen, was Tina sieht und hört – und nicht einmal überschreitet der Autor Torino diese Grenze und erzählt uns mehr, als Tina weiß oder wahrnehmen kann. Wir bleiben gemeinsam mit ihr in diesem Schwebezustand in einer Welt, die für sie aus den Fugen geraten ist und in der sie Halt sucht. Einzig und allein die kleinen Rituale, wie zum Beispiel der Anruf ihres Vaters jeden Tag um 14 Uhr, oder aber das Verbot, in der Mittagshitze in die Sonne zu gehen, lassen sie ein Stück weit Sicherheit und Geborgenheit verspüren. Allerdings nicht so viel, als dass ihre zarte Kinderseele all den Unsicherheiten und Veränderungen trotzen könnte.

„Über mir die Sonne“ zeigt aber nicht nur, wie es sich für ein Kind anfühlen kann, wenn sich die Fixpunkte im Leben drastisch reduzieren, sondern auch, wie sehr die Erwachsenen ins Schleudern kommen können. Andre, der sich nach vielen gescheiterten Versuchen nun auf Pantelleria abgesetzt hat, aber einfach keine Liebe und Ruhe findet. Charles, der seine Frau an Krebs verloren hat und sich seitdem verbissen an der Flasche festhält. Stefano und Pari, die sich aneinander festhalten, aber dennoch nicht zufrieden sind. Und nun mal auch Emma, Tinas Mutter, die sich so schnell versucht hat, in das Insel-Leben zu integrieren, weil sie daheim in Urbino jeden Halt verloren hat. „Über mir die Sonne“ ist eine berührend menschliche Geschichte, die keinen klassischen Sommer nacherzählt, sondern in aller sengenden Hitze die Schwächen, Ängste und Sehnsüchte aller freilegt. So viel Atmosphäre auf so wenig Seiten ist eine Kunst für sich.

Autor Alessio Torino ist in Italien längst kein unbeschriebenes Blatt mehr und konnte bisher bereits den Premio Bagutta Opera Prima, den Premio Lo Straniero und den Premio Letterario Metauro mit nach Hause nehmen. Mit seiner Protagonistin Tina teilt er übrigens den Geburtsort Urbino. „Über mir die Sonne“ ist das erste und bisher leider auch das einzige Werk von Torino, das ins Deutsche übersetzt wurde. Schade, denn Elena Ferrante macht zwar Spaß, aber Torino ist ihr poetisch deutlich überlegen.

Alessio Torino: „Über mir die Sonne“, Übersetzung von Johannes von Vacano, 160 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN-13: 978-3455001471, 18 Euro

(Foto: Buchcover)

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