Lorenz Varga
16. Oktober 2020

Wir lassen diese Jury etwas fühlen, in ihren kalten, toten, verdorbenen Herzen

Das Schauspielhaus zeigt heute die deutsche Erstaufführung des preisgekrönten amerikanischen Stückes „Dance Nation“

Was zählt, ist der Erfolg: Die Moms (Alrun Hofert) und Tanzlehrer Pat (Sebastian Nakajew)

Sie sind alle um die 13 und haben einen gemeinsamen Traum: Sie wollen die nationalen Tanz-Meisterschaften gewinnen. Sie, das sind Connie, Zuzu, Sofia, Maeve, Amina, Ashlee und Luke. Doch eigentlich wollen sie mehr, sie wollen die Welt verändern. Geleitet wird die Gruppe von dem ehrgeizigen Tanzlehrer Pat (Sebastian Nakajew), der sich für die Meisterschaften das passende Thema ausgesucht hat: Ghandi, einen Tanz über die soziale Gerechtigkeit. Doch Anspruch und Wirklichkeit sind zweierlei. Mit Leistungsdruck und Härte werden die Mädchen auf Erfolg getrimmt. Das Thema ist von Pat durchaus ernstgemeint, doch in seiner Naivität erkennt er nicht den Widerspruch zum eigenen Tun. Dann gibt es da noch die Moms, die zwischen Liebe und Ehrgeiz oszillieren. Das Versagen des Kindes hieße das Glück mit Füßen treten. Stellvertretend für alle Moms werden diese von einer einzigen Schauspielerin verkörpert (Alrun Hofert).

Die Mädchen wiederum haben andere Sorgen. Sie sind in einer Melange von aufkeimender Sexualität, Weltverbesserungswünschen, Geborgenheits- und Anerkennungsbedürfnissen gefangen. Doch insgeheim hofft jede von ihnen auf die Titelrolle. Diese bekommt diesmal nicht Startänzerin Amina (Katherina Sattler), die ehrlich bemüht ist, den anderen das ihr gebührende Rampenlicht zu gönnen. „Manchmal will ich verlieren“, sinniert sie, denn es ist ihr bewusst, dass sie mit ihrem dauerhaften Gewinnen die anderen verletzt. Gelingen will ihr das aber nicht: „Aber dann komme ich auf die Bühne und will nur noch gewinnen.“ So springt sie im entscheidenden Tanz für die schwankende Hauptdarstellerin in die Bresche und erringt den Sieg der Gruppe, doch das führt wiederum zu einem tiefen Riss im Gemeinschaftsgefüge.

Das Theaterstück „Dance Nation“ erzählt nicht einfach nur eine Coming-of-Age-Geschichte. Das Stück reicht weit über ein Pubertätsdrama hinaus. Das ist schon an den Regie-Anweisungen von Autorin Clare Barron erkennbar. Die Schülerinnen sollen explizit von Schauspielerinnen aller Altersklassen gespielt werden. Somit ist auf der Bühne immer auch präsent, was später einmal aus den idealistischen Träumen werden wird. Umgekehrt bleibt auch im Erwachsenen das rebellische Kind immer noch sichtbar. Hoffnung und Scheitern, Ideal und Wirklichkeit, Erfolg und Freundschaft bleiben als Gegensatz-Paare das unauflösliche Dilemma menschlichen Strebens. „Dance Nation“ wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet und war in der engeren Auswahl für den Pulitzer-Preis 2019. Inszeniert wird die deutsche Erstaufführung des Stückes von Stephan Kimmig, der das Publikum letztes Jahr mit seiner Tschechow-Überschreibung „Platonowa“ begeisterte.

Freitag, 16. Oktober 2020:
„Dance Nation“, Theaterstück von Clare Barron, Deutsche Erstaufführung, Inszenierung von Stephan Kimmig, Schauspielhaus Hannover, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 16 bis 49 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Samstag, 24. Oktober, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 25. Oktober, 17 Uhr
  • Sonntag, 1. November, 17 Uhr
  • Freitag, 6. November, 19.30 Uhr

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Kerstin Schomburg)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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