Marc Mrosk
15. September 2010

Bruchbuden, Kioske und der Lottoschein

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 3: Auf der Suche in Linden

Ich nahm ganz langsam die Stufen im Treppenhaus, bewaffnet mit zwei Flaschen Bier in der rechten Hand. Kurz vor der Etage hörte ich schon dieses wilde Gepolter und die laute Stimme von Sascha, der mich am heutigen Tage zu sich in seine bescheidene Behausung im hannoverschen Stadtteil Linden eingeladen hatte. Vorher hatte er mir seine Adresse gegeben und fügte hinzu: „Komm mich mal besuchen in der Stephanusstraße, mein Bester. Echt grandios hier in Linden: Bruchbuden, Kioske und eine Million Eckkneipen.“

Der Küchengarten

Wege und Kreuzungen: Der zentrale Dreh- und Angelpunkt in Linden – der Küchengarten

Vor Saschas Wohnungstür angekommen, beugte ich mich vor und lauschte. Ein energisches „Scheiße!“ drang zu mir nach draußen und ich grinste mir einen. Ich nahm die zwei kühlen Bierpullen in die linke Hand und klopfte. Es hämmerte so schnell gegen den Fußboden im Flur, dass man den Anschein bekam, Sascha steppte geradewegs rüber zur Tür. Kurz darauf wurde sie aufgerissen und dann stand er vor mir. Kein herzliches Willkommen und auch kein Lächeln hatte er übrig. Saschas Gesicht lag hinter einer kleinen Rauchwolke, die aus der Spitze seiner Zigarette quoll. Mit Mühe konnte ich seine Augen sehen. Sie waren wie erstarrt. Sein ganzer Körper stand unter Hochspannung. „Wo brennt’s denn?“ fragte ich und er verschwand sofort wieder im Wohnzimmer. Ich folgte ihm und machte uns erstmal die beiden Biere auf. Ich hoffte, dass ihn der Geschmack eines kühlen hannoverschen Pilseners wieder auf den Boden zurückholte, während er panisch weiter die ganze Bude auf den Kopf stellte.

Lotto-Träume

„Ich hab gestern im Lotto gewonnen“, sagte er schließlich, drückte seine Zigarette in einem der zahlreichen Aschenbecher aus und steckte sich gleich eine neue an. Er qualmte wie ein Schornstein. Er will später einmal – wenn es soweit ist – unbedingt in die Hölle, hat er mir mal gesagt, denn er befürchtet, dass im Himmel Rauchverbot herrscht. „Was im Ernst, Du hast im Lotto gewonnen. Viel?“ „Ja, Mann. Sechser mit Superzahl. Weißt Du, was das heißt?“ „Ein Leben ohne Sorgen, mein Freund!“ „So sieht es nämlich aus. Millionen, Mensch. Millionen!“ „Und jetzt suchst Du nach dem…“ „Schein!“, schrie er, wie von der Tarantel gestochen.

Aufgeregt zog Sascha an seiner Zigarette und begann zu erzählen: „Nachdem ich gestern die Ziehung im Fernsehen geguckt habe, bin ich natürlich erstmal voll abgedreht und dann hab ich angefangen hier zu Hause ein bisschen zu feiern. Ganz ruhig und ganz alleine, und ich bin dann auch noch mal los, um mir einen kleinen Nachschub Bier zu holen, und ich glaube, es war auch eine Flasche Weinbrand dabei. Ich weiß nicht mehr so genau und möglicherweise war ich vorher auch noch in irgendeiner Kneipe. Ich habe einen totalen Filmriss. Ich sehe Bilder vor mir, wie ich an der Theke im Centrum sitze, auch ein zwei Bilder aus dem Wolf, und dann sitze ich wieder irgendwo auf dem Bordstein und rede mit so einem Typen über irgendwas. Mensch, ich weiß gar nichts mehr. Jedenfalls werde ich heute Mittag wach und was fehlt natürlich: der Scheiß-Lottoschein mit den sechs Richtigen. Plus Superzahl, Alter!“

Stephanusstraße

Immer einen Besuch wert: Die Stephanusstraße in Linden-Mitte

Rekonstruktionen

Sascha ließ sich erschöpft auf seine alte Couch fallen und der Staub flog durch den Raum. Fast sein gesamtes Mobiliar hatte er sich im Laufe der letzten Monate auf dem Sperrmüll zusammengesucht. Hier passte wirklich nichts zueinander, und es herrschte, wie ich es auch schon aus seinen alten Wohnungen kannte, das absolute Chaos. „Ich muss meinen letzten Abend rekonstruieren“, sagte er und sprang auf. „Na los, komm schon.“

Wir durchzogen die Straßen, durchkämmten jeden Busch, drehten jeden Stein um, luchsten durch jedes Loch, doch nirgends war sein Schein zu finden. Am Küchengarten machten wir halt und Sascha deutete unauffällig rüber auf zwei Typen, die auf einer Bank saßen und Wein aus der Tüte tranken. „Irgendwas ist mit denen“, sagte er. „Was soll mit denen sein? Die saufen sich halt einen.“ „Irgendwie sind die mir im Gedächtnis von letzter Nacht.“ „Sascha, wenn die Deinen Millionen-Lotto Schein hätten, dann würden die doch nicht mehr da sitzen und sich so vollaufen lassen, meinst Du nicht auch?“, entgegnete ich. Er überlegt kurz und nickte schließlich. Dann setzten wir unsere Suche quer durch Linden fort. Einmal die Limmerstraße hoch und wieder runter. An der Ecke zur Kochstraße blieb Sascha vor dem Toto-Lotto-Schreibwarengeschäft stehen und schaute durchs Schaufenster hinein zu dem jungen Typen hinter der Kasse. „Hier hab ich den Schein her. Vielleicht kann er sich noch an mich und meine Zahlen erinnern“, sagte Sascha und glaubte selbst nicht so ganz daran.

Totto Lotto-Laden

Das vermeintliche Tor zum Glück…

Auf der Suche, überall

Ich wollte Sascha irgendwie beruhigen, aber ich wusste nicht wie. Wenn die Geschichte wirklich stimmte und irgendwo hier in Linden ein Lottoschein herumflatterte, der ein paar Millionen wert ist, dann konnte ich seine Aufregung durchaus verstehen. „Komm lass uns weiter, wir dürfen uns nichts anmerken lassen. Wenn irgendeiner Wind davon kriegt, dann dreht das ganze Viertel durch und jeder Bekloppte hier fängt an, meinen Schein zu suchen. Und Gott weiß, wie viele Bekloppte es hier gibt.“

Schließlich durchwühlten wir sogar Mülltonnen und zogen so unzählige Blicke der Einwohner auf uns. Ältere Herrschaften fingen an, uns genauer unter die Lupe zu nehmen, während Mütter ihre Kinder in Sicherheit brachten. Am Lindener Marktplatz wären wir, durch unsere Unachtsamkeit dem Straßenverkehr gegenüber, fast von der Straßenbahn überrollt worden, und wir fassten den Entschluss, eine kleine Auszeit im Centrum zu nehmen. An der Bar lief Saschas Gedankenmaschine weiterhin auf Hochtouren. „Wir checken mal die Lage, vielleicht erzählt ja irgendeiner etwas und wir erfahren so ein paar Hinweise“, flüsterte er mir zu. Wir bekamen unsere Biere auf die Theke gestellt. Nach ungefähr drei Stunden in der Kneipe waren wir zwar nicht schlauer, was den Verbleib von Saschas mysteriösem Lottoschein betrifft, aber dafür umso betrunkener. Wir torkelten aus dem Lokal über den Marktplatz und steuerten Saschas Wohnung an.

Schild “Lindener Marktplatz”

Liegt oft im Nebulösen: Die Straßenbeschilderung am Lindener Marktplatz

Von Neustarts und Vergessen

Am nächsten Morgen erwachten wir beide mit einem unglaublichen Kater. „Mensch, wie kann einem Bier nur so weh tun?“, sagte Sascha, gähnte anschließend und fiel fast auf den Boden, als er sich auf der Couch zu mir umdrehte. „Keine Ahnung“, entgegnete ich schlaff und drehte vorsichtig meinen Kopf zur Seite, um den Schmerz im Nacken etwas zu verringern. „Wo waren wir gestern überhaupt?“, fragte Sascha nach einer Weile und setzte sich aufrecht hin. Er schien einen erneuten Filmriss erlitten zu haben. Ich für meinen Teil konnte mich noch ziemlich gut daran erinnern, was gestern vor sich ging. „Keine Ahnung“, log ich, „ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern.“ Ich sah keinen Sinn darin, ihn an seinen Verlust zu erinnern. Dann würde alles nur wieder von vorne losgehen. Wir rauchten noch jeder eine, tranken eine Tasse Kaffee und dann machte ich mich auf nach Hause.

An der Haltestelle am Lindener Marktplatz stieg ich in die Bahn, suchte mir einen Platz direkt am Fenster und stierte einfach nur geistesabwesend nach draußen, um etwas Ruhe von der letzten Nacht zu bekommen. Hier und dort sah ich Leute, die über die Bürgersteige und Straßen blickten, als hätten sie etwas verloren. Bald würde wahrscheinlich ganz Linden nach diesem Lottoschein suchen. Irgendwo dort draußen wartete er. Jemand schien doch Wind von der ganzen Sache bekommen zu haben und nun ging die Suche erst so richtig los. Aber das ist eine andere Geschichte…

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur, Lokales, Lokalitäten

Kommentiere diesen Artikel