Sebastian Albrecht
22. Oktober 2020

Journey to the East

Das Kino im Sprengel zeigt heute Abend den dokumentarischen Tagebuch-Film „Erinnerungen an eine Reise nach Litauen“ des litauisch-amerikanischen Regisseurs Jonas Mekas

Erinnerungen an eine Reise nach Litauen

Ob sie seit dem letzten Mal gewachsen sind? „Erinnerungen an eine Reise nach Litauen“ dokumentiert die erste Rückkehr der beiden Mekas-Brüder in ihre Heimat seit 27 Jahren

Wer sich nicht gerade exzessiv mit Geographie auseinandersetzt, wird von den meisten Ländern der Welt bestenfalls gehört haben, sie wahrscheinlich aber häufig nicht verorten können. Stellt die Lage Vietnams vielleicht noch kein Problem dar, so tut es spätestens das Benennen der Nachbarstaaten – China, Kambodscha und Laos. Und wer käme bei südamerikanischen Ländern schon auf Suriname oder Guyana? Doch bereits auf dem eigenen Kontinent haben wir nicht selten Lücken: Gehört Armenien noch zu Europa oder schon zu Asien? Ist Zypern eine griechische Insel oder ein eigenständiger Staat? Und bei der Aufzählung der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen bleibt regelmäßig mindestens einer auf der Zunge liegen.

Alle drei Länder eint in der jüngeren Zeit eine ähnliche Geschichte. 1918 erlangten sie ihre jeweilige Unabhängigkeit, um im Zweiten Weltkrieg erst von der Sowjetunion, dann von den Nationalsozialisten und danach wiederum von der Sowjetunion besetzt zu werden. Zahlreiche Esten, Letten und Litauer wurden in Gulags beziehungsweise KZs deportiert und fanden dort häufig den Tod. Erst 1990 erklärten alle drei Staaten ihre erneute Unabhängigkeit, der die Singende Revolution vorausging, ein gewaltloser Widerstand, bei dem das Singen der von der Sowjetunion verbotener traditioneller Volkslieder und Hymnen ein zentraler Bestandteil war.

Davon war 1972, als der litauisch-amerikanische Regisseur Jonas Mekas sich von New York zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder in das Land seiner Familie aufmachte, jedoch noch nicht auszugehen. Fast dreißig Jahre lang waren Mekas und sein Bruder Adolfas, ebenfalls Regisseur, nicht mehr in ihrer Heimat gewesen, in der sie in jungen Jahren in der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer gewesen und 1944 von den Nationalsozialisten nach Elmshorn nahe Hamburg in ein Arbeitslager deportiert worden waren. Beide verbrachten die ersten Nachkriegsjahre als Displaced Persons in Deutschland, wo sie studierten und schließlich nach New York emigrierten.

Jonas Meskas dokumentarischer Tagebuchfilm „Erinnerungen an eine Reise nach Litauen“, der 1972 veröffentlicht wurde, hält jedoch nicht nur die Rückkehr der beiden Mekas-Brüder ins damalige Litauen fest, er macht gleichzeitig auch an den anderen Stationen ihrer Odyssee halt, zeigt die Orte in New York, die in den ersten Jahren große Bedeutung für die beiden hatten, reist nach Wien, wohin es die Brüder auf der Flucht vor den Nazis zog, und nach Elmshorn, wohin sie stattdessen kamen. Obwohl der 2019 mit 96 Jahren verstorbene Jonas Mekas als „the godfather of American avantgarde cinema“ gilt, sind es insbesondere seine Tagebuch-Filme, für die er bekannt geworden ist. Das Kino im Sprengel verbeugt sich heute vor dem Godfather und zeigt den Film „Erinnerungen an eine Reise nach Litauen“ im englischen Original.

Donnerstag, 22. Oktober 2020:
„Reminiscences of a journey to Lithuania – Erinnerungen an eine Reise nach Litauen“, dokumentarischer Tagebuch-Film von Jonas Mekas, USA 1972, 81 min., Originalfassung, Kino im Sprengel, Klaus-Müller-Kilian-Weg 2, 30167 Hannover, Beginn: 20.30 Uhr, Eintritt: 5 Euro

(Foto: Pressefoto/Kino im Sprengel)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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