Susanne Viktoria Haupt
3. November 2020

Billys großer Traum

Eine Inspiration für viele Jungen, deren Füße nicht stillstehen wollen: „Billy Elliot“

Dafür gab es gleich drei BAFTA-Awards: Mit „Billy Elliot – I Will Dance“ gab Regisseur Stephen Daldry Ballett tanzenden Jungen ein Gesicht

„Aber das ist doch nur was für Mädchen!“, „Das ist doch gar kein richtiger Sport“, „Die meisten Jungs werden dabei doch schwul!“. Ja, all das sind leider Kommentare, die mir bereits als Mutter eines Ballett tanzenden Sohnes an den Kopf geworfen wurden. Vornehmlich übrigens von Erwachsenen. Dabei dachte ich, dass wir in der Gesellschaft schon deutlich weiter wären – aber wie so oft wird man schlussendlich doch eines Besseren belehrt. Die Ursprünge des klassischen Balletts werden auf das 15. respektive auf das 16. Jahrhundert datiert. Und streng genommen war es sogar zu Beginn, wie eben auch das Schauspiel, einzig den Männern vorbehalten. Das hat sich glücklicherweise längst geändert – denkt man allerdings heutzutage an Ballett, schießen einem sofort schmale, weiße junge Mädchen im rosa Tütü in den Sinn. Wir Menschen und unsere Schubladen, das ist einfach eingeschränkt und so schade.

Dabei öffnet sich das klassische Ballett, wenn auch leider nur sehr langsam, immer mehr der Gesellschaft zu Grunde liegenden Diversität. Das bedeutet, dass glücklicherweise auch farbige Tänzer*innen ihren Platz auf der Bühne finden und Jungen und Männer auf Spitze tanzen dürfen. Genau wie in vielen anderen Branchen ist es aber noch ein langer Weg bis zur Gleichberechtigung. Fest steht allerdings, dass Ballett sehr wohl ein Sport ist und knallharte Disziplin, sowie unfassbare Muskelkraft und Konzentration verlangt. Sowohl von Mädchen wie auch von Jungen. Die Frage nach sexueller Gesinnung quittieren wir hier mal mit einem müden Lächeln, denn nicht auf jeden Unfug muss an dieser Stelle eingegangen werden.

Allerdings sind Ballett tanzende Jungen und Männer medial deutlich unterrepräsentiert. Auf Instagram findet man hier und da zwar Größen, wie beispielsweise Alex Wong, und der irische Singer/Songwriter Hozier ließ unter der Leitung von Regisseur David LaChapelle ein Video zu seinem Welt-Hit „Take me to Church“ aufnehmen, in dem der russische Tänzer Sergei Polunin sein Bestes gibt, aber der gesellschaftliche Geist wurde damit noch nicht grundlegend geändert. 2019 erfuhr die männliche Ballett-Welt allerdings ungeplante Unterstützung vom britischen Königshaus. Nachdem sich die amerikanische TV-Moderatorin Lara Spencer über die Ballett-Ambitionen des kleinen Prince Georges öffentlich lustig machte, trafen sich hunderte Jungen und Männer auf dem New Yorker Times Square zu einem gemeinsamen Tanz-Flashmob. Tanz vereint eben auch, das darf man nie vergessen.

Ein wahrlich filmischer Meilenstein hinsichtlich der Repräsentanz männlicher Balletttänzer ist das britische Drama „Billy Elliot – I Will Dance“ von Stephen Daldry. Der elfjährige Billy Elliot (Jamie Bell) wohnt gemeinsam mit seinem Vater Jackie (Gary Lewis) und seinem älteren Bruder Tony (Jamie Draven) im nordenglischen Durham. Seine Mutter ist vor kurzem verstorben, doch gemeinsam mit der pflegebedürftigen Großmutter (Jean Heywood) versucht der Vater die Familie zusammenzuhalten. Finanziell ist es durch den Bergbau-Streik nicht gerade gut um die Familie bestellt, aber trotz aller Widrigkeiten versucht der Vater für Billy das Geld für den obligatorischen Box-Unterricht abzuzweigen. Als Billy allerdings eines Abends noch nach dem Unterricht dortbleibt, entdeckt er die Ballett-Klasse und ist fortan fasziniert.

Die unkonventionelle Ballett-Lehrerin Mrs. Georgia Wilkinson (Julie Walters) will den Kleinen nicht so einfach als Zuschauer akzeptieren und stellt ihn kurzerhand an die Ballett-Stange. Und so entdeckt Billy, inmitten von Armut und stereotypischen Männer-Vorbildern die Liebe zu einem Sport, die sicherlich nicht so einfach von seiner Familie und dem Umfeld akzeptiert werden wird. Manche Träume sind aber nun mal nicht nur groß, sondern verleihen auch ungeahnte Stärke. Für die inspirierende Geschichte rund um den tanzenden Billy gab es mehrere Nominierungen für den Oscar und den Golden Globe, sowie Bafta-Awards unter anderem in der Kategorie „Bester Film“. Zu sehen gewesen wäre das Drama heute Abend im Kino im Künstlerhaus gewesen. Nun müsst Ihr es im Heimkino schauen. Es geht ja gerade nicht anders.

Dienstag, 3. November 2020:
„Billy Elliot – I Will Dance“, Drama von Stephen Daldry, GB 2000, 110 min., OmU, zu sehen leider derzeit nur im Heimkino

(Foto: Filmplakat)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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