Susanne Viktoria Haupt
8. November 2020

Rastlose Geister

Man kann ihnen vieles nehmen, aber nicht ihre Premiere: „Rastlos“ von Juliano Nuñes, Jirí Kylián und Lukáš Timulak feiert heute statt auf der Bühne der Staatsoper einfach im Netz Premiere

Trotz Lockdown rastlos: Die Staatsoper Hannover präsentiert heute die Premiere ihres neuen dreiteiligen Balletts auf YouTube

Zack, da müssen fast wieder alle schließen. Ganz gleich, ob man sich um ausgefeilte Hygiene-Konzepte und Besucher*innen-Registrierung bemüht hat, der „Lockdown Light“ legt das kulturelle Leben erneut lahm. Das macht trotz aller Gefahren, die vom Virus ausgehen, zurecht wütend. Vor allem, wenn man an solche haltlosen und diffamierenden Artikel wie jüngst in der HAZ denkt, die vorab schon Öl ins Feuer gegossen haben und die freie Kulturszene als Hotspots bezeichnet haben. Fakten braucht man heute schließlich nicht mehr nennen, es lebe die alternative Wirklichkeit. Aber nun gut, die Kulturszene beißt die Zähne zusammen und sagt sich, dass sie diesen einen Monat doch noch irgendwie überstehen wird. So ganz aufgeben und alle angesetzten Premieren ausfallen lassen möchte man dann aber doch nicht, Lockdown hin oder her. Dafür freuen sich alle Beteiligten zu sehr auf die neuen Projekte. Zu viel Arbeit hat man dort hineingesteckt. Die Staatsoper Hannover verlegt daher beispielsweise die Premiere ihres Ballett-Trios „Rastlos“ kurzerhand ins Netz.

Eine Premiere ist schließlich immer etwas ganz Besonderes, aber in diesem Falle vor allem für den jungen Brasilianer Juliano Nuñes. Mit seinem Stück „Moonlight“ stellt er einen der drei Teile von „Rastlos“ und präsentiert damit gleichzeitig sein erstes Auftragswerk in Deutschland. Dafür hat er sich auch extra schweren Stoff ausgesucht. Im Zentrum steht Beethovens Klaviersonate Nr. 29 B-Dur op. 106, besser bekannt als „Hammerklaviersonate“, die als schwierigstes Klavierstück des deutschen Komponisten gilt. Nuñes beleuchtet hierbei vor allem die Entstehungsgeschichte der Sonate, die vor allem von den besonders schwierigen Umständen Beethovens zunehmender Taubheit geprägt war. Gleichzeitig ist „Moonlight“ ein Geburtstagsgruß zu Beethovens 250. Geburtstag. Den zweiten Teil bildet Jirí Kylián mit seinem Solo-Stück „Double You“. Hier stehen Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit des Menschen im Mittelpunkt des Geschehens. Diese Eigenschaften machen es Kyliáns Meinung nach aber den Menschen möglich, Risiken einzugehen und dafür auch Grenzen zu überschreiten. Lukáš Timulak, der mit „Masculine/Feminine“ die Rastlos-Trilogie vervollständigt, greift das Thema der stereotypischen Geschlechterbilder auf und spielt gekonnt mit ihnen.

Alle drei Stücke zeigen, dass in jedem kreativen Geist stets Rastlosgkeit herrscht, stets eine gewissen Zerrissenheit innewohnt, diese aber eben auch das eigene künstlerische Feuer stets neu entfachen und zu Höchstleistungen antreiben kann. Und die Inszenierungen zeigen auch, dass kein Lockdown die Spielfreude und die Bereitschaft zu harter und außergewöhnlicher Arbeit brechen kann. Wer übrigens heute ab 18:30 Uhr keine Zeit für den Live-Stream hat, der kann sich das Video der Premiere auf dem YouTube-Kanal der Staatsoper noch bis Ende November ansehen. Kleiner Tipp von uns: Sichert Euch so oder so ein paar Tickets für die Vorstellungen im Dezember, denn Kultur lebt weiterhin vom echten Live-Erlebnis, egal wie lange es aufgeschoben werden muss.

Sonntag, 8. November 2020:
„Rastlos“, Ballett von Juliano Nuñes, Jirí Kylián und Lukáš Timulak, Premiere live auf YouTube, Beginn: 18.30 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Pressefoto/Staatsoper Hannover/Lilit Hakobyan)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Bühne, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel