Susanne Viktoria Haupt
11. November 2020

Ein Film für verwirrende Zeiten

Heute hätte das Kino am Raschplatz den Film „Mary & Max“ gezeigt und damit auch auf ein Selbsthilfe-Angebot gegen Depressionen aufmerksam gemacht. Zwar fällt die Vorstellung aus, doch der Film ist trotzdem empfehlenswert

„Liebe Mary, du bist meine beste Freundin. Du bist meine einzige Freundin“: „Mary & Max, oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?“ von Adam Elliot geht ans Herz

Momentan erleben wir eine Sternstunde für Introvertierte und dankenswerterweise darf ich mich dazu zählen. Soll heißen: Mein sozialer Kreis ist klein und genau so möchte ich ihn auch haben. Ich benötige diese Form der Zerstreuung, bei der man ständig Mneschen treffen möchte, nicht, ganz im Gegenteil. Aber ich weiß auch, dass es so bei weitem nicht allen geht und dafür habe ich volles Verständnis. Viele Menschen leiden darunter, dass die gewohnte soziale Zusammenkunft nicht stattfinden kann. Vor allem alleinlebende Singles, die nicht auf der introvertierten Seite leben, haben es jetzt besonders schwer. Es fehlt die Nähe, der Austausch, das Beisammensein. Auf einmal müssen auch Extrovertierte so leben, wie wir Introvertierten es nur zu gerne tun. Allerdings ohne die Komponente der Freiwilligkeit und ohne die nötigen Ambitionen. Für eine extrovertierte Person ist die Pandemie wahrscheinlich genauso anstrengend wie eine Party für eine introvertierte Person. Nicht selten geht das also auch wirklich auf die Psyche, in beiden Fällen. Spaßig ist das gar nicht und übertreiben tue ich in dieser Hinsicht leider auch nicht. Neben den existenziellen Sorgen, die die Pandemie mit sich bringt, ist die soziale Isolation ein wichtiger Faktor, der zu vermehrten psychischen Problemen führt. Die Zahl derer, die sich von Depressionen, Angststörungen oder ähnlichem betroffen fühlen, ist deutlich angestiegen. Das hat in diesem Falle auch nichts damit zu tun, dass diese Menschen nun mal nicht alleine sein können, oder fundamentale Anpassungsschwierigkeiten haben. Es ist nur schlicht und ergreifend gegen ihre persönliche Natur, es tut ihnen nicht gut. Und diese Zeit ist doch schon verwirrend genug, oder etwa nicht?

Deswegen ist es auch so wichtig, dass man sich, wenn das seelische Leid nicht mehr selbst zu handhaben ist, auch Hilfe sucht. Wer beispielsweise nicht direkt eine Kurzzeit-Therapie beginnen möchte, aber dennoch auf einen Austausch und Unterstützung nicht verzichten mag, für den sind Selbsthilfe-Gruppen wie geschaffen. Und davon haben wir einige in Hannover. Um gerade in diesen schwierigen Zeiten auf diese Angebote aufmerksam zu machen, wollte KIBIS, die Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle im Selbsthilfe-Bereich, gemeinsam mit dem Kino am Raschplatz heute eigentlich den Film „Mary & Max, oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?“ zeigen. Pandemiebedingt muss die Vorstellung ausfallen, aber weil diese Zeiten wirklich wahnwitzig sind, legen wir Euch den Film dennoch ans Herz.

So eine DVD ist doch auch mal eine gute Anschaffung, oder nicht? In „Mary & Max“, diesem wunderbaren Knet-Animationsfilm aus dem Jahre 2009 geht es um die transkontinentale Brieffreundschaft der beiden Protagonist*innen. Mary (im Original gesprochen von Bethany Whitmore und Toni Collette) ist ein achtjähriges, in Australien lebendes Mädchen, und die Welt erscheint ihr wie ein Brief mit sieben Siegeln. Zudem fühlt sie sich häufig einsam und von ihrer kleptomanischen Mutter sehr unverstanden. Wirkliche Freunde hat sie keine, bis sie beschließt, sich selbst welche zu suchen. Kurzerhand schnappt sie sich ein amerikanisches Telefonbuch und sucht sich einen Namen aus: Max Jerry Horowitz (im Original gesprochen von Philip Seymour Hoffman). Mary schreibt Max einen Brief und bündelt darin vor allem all jene Fragen über das Leben und die Welt, die ihr auf der Seele brennen. Bei Max läuft sie damit offene Türen ein. Der 44-Jährige ist Asperger-Autist, leidet unter Übergewicht und Einsamkeit. Dass Mary die Welt für so kompliziert und undurchsichtig hält, kann er nur zu gut verstehen. Kreativ und mit viel Einfühlungsvermögen beantwortet er nicht nur Marys Brief, sondern auch ihre Fragen. Und markiert damit den Beginn einer einzigartigen Freundschaft weit über alle Grenzen hinaus.

Manchmal müssen wir einfach nur die Hand ausstrecken und nach jemanden Ausschau halten, für den die Welt gerade genauso verrückt erscheint, wie für uns selbst. Und auch, wenn wir uns gerade nicht immer alle so in die Arme schließen können, wie wir es vielleicht wollen, kann ein postalischer Austausch oder aber ein intensives Telefonat ein wenig Seelen-Balsam sein. Mein Tipp daher für Euch: Besorgt Euch den Film, schaut ihn an und verschickt ihn doch dann einfach an eine liebe Person. Anschließend lässt sich bei einer Tasse Tee am Telefon hervorragend coronakonform darüber reden. Das ist nicht viel, aber manchmal ein Anfang.

Mittwoch, 11. November 2020:
„Mary & Max, oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?“, Knet-Animationsfilm von Adam Elliot, AUS 2009, 90 min., circa 5 Euro je nach Anbieter

Mehr Informationen zur Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle im Selbsthilfe-Bereich KIBIS:
www.kibis-hannover.de

(Foto: DVD-Cover)

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Kategorien: Film, Politik, Tagestipps

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