Jörg Smotlacha
6. November 2020

Perspektivwechsel

Das Clinch-Festival für postkoloniale und (post)migrantische Perspektiven ist verschoben auf 2021. Das politische Anliegen ist aber auch ohne Festival brandaktuell

Clinch Festival Hannover 2020

Leider auch ein Corona-Opfer: das Clinch-Festival Hannover 2020

Von gestern an bis zum kommenden Sonntag hätte im Kulturzentrum Pavillon das Clinch-Festival stattgefunden und sich mit postkolonialen und (post)migrantischen Perspektiven auseinandergesetzt. In einem Jahr, in dem die Black Lives Matter-Bewegung der Welt vor Augen geführt hat, wie rassistisch und kolonial geprägt unsere vermeintlich aufgeklärten Demokratien sind und gelichzeitig ein starsinniger autoritärer alter weißer Mann bereit ist, die USA lieber in den Abgrund zu treiben und neue Rassenkonflikte zu schüren als seine Macht abzugeben, wäre die Austragung des Clinchs-Festivals umso wichtiger gewesen. Doch Corona trifft eben leider auch die wichtigen Projekte, die mehr als nur „systemrelevant“ sind. Und doch ehrt es die Veranstalter*innen des Clinch-Festivals, dass sie sich für eine komplette Verschiebung und gegen eine digitale Variante entschieden haben, denn „das Festival lebt davon, dass Menschen sich begegnen und vernetzen, miteinander kommunizieren und in einen Austausch treten“.

Das politische Anliegen des Festivals aber bleibt, denn es ist brandaktuell: Heute zum Beispiel wäre es in einer pertizipativen Performance der Künstlerin Ülkü Süngün darum gegangen, interessierten Passant*innen in einer Eins-zu-eins-Situation die korrekte Aussprache der Namen der zehn Mordopfer des NSU beizubringen. Zunächst wäre es in einem Lauttraining um die türkische Aussprache von Buchstaben wie „r“, „z“, „ı“ und „ç“ gegangen, dann um die individuell Übung der einzelnen Namen der Opfer, die schließlich gemeinsam, über Lautsprecher verstärkt, vorgetragen werden sollten. Ein Akt des Respektes, der Erinnerung und Anerkennung, um Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter ein Denkmal zu setzen.

Freitag, 6. November 2020:
Clinch-Festival für postkoloniale und (post)migrantische Perspektiven, Kulturzentrum Pavillon, Austragung abgesagt, politische Umsetzung liegt an jeder beziehungsweise jedem Einzelnen von uns

weitere Informationen:
www.clinchfestival.de

(Foto: Pressefoto/Veranstaltungsplakat Kulturzentrum Pavillon/China Hopson)

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Kategorien: Lokalitäten, Politik, Tagestipps

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