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Wenn Liebe Leiden schafft

Seitenansicht: „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin

Mit neuer Übersetzung im neuen Gewand: James Baldwins „Giovannis Zimmer“, Buchcover

David ist ein junger Amerikaner, den es gezielt, aber ohne Plan, ins Paris der 1950er-Jahre verschlagen hat. Es ist aber nicht diese Art von Paris, die zum Beispiel Hemingway ganz romantisch in „A Moveable Feast“ besungen hat. Es ist das Nachkriegs-Paris, das die französische Hauptstadt nach zwei Weltkriegen prägt – mit weniger literarischen Salons, dafür aber weiterhin mit kunterbunten Gestalten, die sich in den Bars treffen und zusammen noch einen Drink einnehmen. Hier, selbst am Rande des finanziellen Abgrunds, trifft David auf den Barkeeper Giovanni, einen charismatischen Italiener. Und Giovanni entfacht jene Lust und Liebe in David, die er seit seiner frühen Jugend versucht hatte, zu verdrängen. Zwar hat er in Europa mit einer abenteuerlustigen Frau namens Hella angebandelt, aber die reist derzeit auf eigene Faust durch Spanien und lässt David so mit seinen homosexuellen Gefühlen gänzlich alleine. Giovanni hingegen geht mit seiner Zuneigung gegenüber David ganz nonchalant um. Er ist als Barkeeper mit wenig Gehalt oft auf die finanzielle Gunst von Männern angewiesen, aber David ist für ihn etwas ganz anderes. Und so bittet er David darum, dass dieser bei ihm einzieht, in sein Zimmer, in Giovannis Zimmer. Ein Zimmer, in dem die beiden nicht nur das Bett, sondern auch den Alltag teilen und sich David immer wieder aufs Neue in Giovanni verliebt. Schon alleine, weil dieser ihm so viel Liebe entgegenbringt.

Was nun auf den ersten Blick unfassbar romantisch klingt, ist in Wahrheit aber tragisch und mit viel Scham besetzt. David schämt sich. Er schämt sich für seine früheren homosexuellen Erfahrungen in Amerika und schämt sich für seine Gefühle gegenüber Giovanni. Giovanni hingegen scheint seine eigene Persönlichkeit sogar aufzuspalten. Da existiert einerseits der Giovanni, der nicht nur David, sondern auch seine Gönner ganz offen um den Finger wickelt, und dann wieder jener, der schon mehrere Beziehungen zu Frauen hatte und auch David dazu ermuntert, endlich „sesshaft“ zu werden. Nur selten sprechen sie beide über ihre Gefühle zueinander. Nur selten sprechen sie über das, was sie in Giovannis Zimmer miteinander machen. Ganz so, als ob sich all das in einer Parallelwelt, in einer Art Traumwelt abspielt. Dinge, die, sofern sie sie nicht benennen, sich jeder Realität und damit auch der Wahrheit entziehen. David macht zudem für sich schnell klar, dass die Beziehung zwischen ihm und Giovanni ein Verfallsdatum haben wird. Auch wird der Leserschaft schnell klar, dass Giovanni seine Liebe und Lust zu Männern schlussendlich mit dem Leben bezahlen muss.

„Giovannis Zimmer“ von James Baldwin war zu Zeiten seiner Erscheinung 1956 ein Skandal-Werk. Baldwins ursprünglicher Verlag wollte sich an diesen Seiten nicht die Finger verbrennen. Man riet ihm gar, den gesamten Roman zu vernichten. Baldwin hatte sich für diesen Roman weit aus dem Fenster gelehnt. Er selbst war ein amerikanischer Expat in Paris und kannte sich sehr gut mit den schambehafteten Gefühlen von Homosexuellen aus. Für „Giovannis Zimmer“ wählte er aber keinen schwarzen Protagonisten, sondern einen Weißen, der eigentlich aus einem mittelständischen Haushalt stammt und daheim noch ein gewisses finanzielles Polster besitzt.

Und auch heutzutage, wenn wir unsere Gesellschaft als ach so tolerant und aufgeklärt begreifen wollen, ist Homophobie immer noch ein ernstes und aktuelles Problem. Solange beispielsweise Homosexualität im Sexualkunde-Unterricht in Schulen vollständig ausgeklammert wird, und ein Teil der Gesellschaft nicht-heteronormatives Verhalten verteufelt, wird es immer Menschen geben, die sich auf Grund ihrer Sexualität schämen und verachten müssen. Menschen, die sich einzig und allein deswegen verstecken und nicht frei entfalten können. Zudem wird Homosexualität in vielen Staaten immer noch unter Strafe gestellt und in einigen sogar immer noch mit dem Tode bestraft.

Nach über 60 Jahren hat die dtv Verlagsgesellschaft nun „Giovannis Zimmer“ in einer neuen Übersetzung von Miriam Mandelkow neu auflegen lassen. Damit hält nicht nur Baldwins wohl bekanntestes Werk im neuen Gewand Einzug in die Bücherregale dieses Landes, sondern auch ein Stück aufrüttelnde Zeitlosigkeit, die es so nicht mehr geben sollte.

James Baldwin: „Giovannis Zimmer“, Übersetzung von Miriam Mandelkow, 208 Seiten, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN-13: 978-3423282178, 20 Euro

(Foto: Buchcover)

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