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Damen an die Drums

Musik x Feminismus: Steht das Schlagzeug für Männlichkeit? Muss dieses Instrument stets von einem Mann besetzt werden? Eindeutig nein, sagt die Schlagzeugerin Eva Klesse

eva klesse schlagzeugerin

Eva Klesse live am Schlagzeug

Seit 2018 ist Eva Kleese Professorin für Jazz-Schlagzeug an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. In ihren Kursen sitzen zur Zeit ausschließlich Männer am Schlagzeug. Frauen im Jazz sind bisher vor allem im Gesang zu finden, weniger an den Instrumenten. Am Schlagzeug noch seltener. „Ich glaube, dass wir da einfach immer noch in veralteten Rollen-Klischees stecken. Das beeinflusst natürlich alle möglichen Lebensbereiche, also auch die Instrumentenwahl“. Kleese zufolge könnten fehlende Vorbilder ein Grund dafür sein. „You cannot be, what you cannot see“, zitiert die Musikerin die amerikanische Aktivistin Marian Wright Edelman.

„Auch wenn man vom Jazz vielleicht erwarten würde, dass es doch immer eine sehr fortschrittliche
Musik war und ist, politische Musik, die gegen Ungerechtigkeiten kämpft und sich für Minderheiten
einsetzt, gibt es in der heutigen Szene auch noch einiges an Nachholbedarf, was Gleichstellung und
Chancengleichheit angeht“ sagt sie. Die von ihr geleitete Band, das Eva Klesse Quartett, besteht aus
ihr und drei Männern. Diese suchte sie sich in jeglicher Hinsicht mit Bedacht aus. Sie bezeichnet sie
als „feministische, aufgeklärte Männer, die die Kämpfe mit [ihr] kämpfen“. Auch sich selbst betitelt
Eva Kleese als Feministin – früher weniger, heute immer mehr.

Draufhauen, Stärke und Wut

Eine Frau am Schlagzeug passt nicht zum klassischen Bild in den Köpfen der Menschen. „Das Schlagzeug ist ein körperliches Instrument. Es geht im Grunde ja darum, auf Sachen draufzuhauen“, so Kleese. Das werde automatisch verbunden mit Stärke und Kraft. Die Konnotation verändere sich, wenn eine Frau das Instrument spielt.

Frauen werden oft eher als das Gegenteil von Stärke und Kraft dargestellt. Auch im Film „Whiplash“ (2014), wo der Protagonist Jazz-Schlagzeug spielt, sitzen ausschließlich Männer in der Studio-Band. Lediglich an einer Stelle bei der Vorauswahl kommt eine Frau vor. „Du sitzt doch nur hier, weil Du so süß bist“, sagt der Dirigent zu ihr. Das war’s. In der finalen Band befindet sich keine einzige Frau. Der Film legt den Fokus auf den Schlagzeuger Andy, der sich die Finger blutig spielt und am Schlagzeug häufig ausrastet, seine Wut rauslässt. Säße dort eine Frau hinter dem Instrument, würde dies nicht zu dem Bild des starken Schlagzeugers passen und vermutlich fremdartig wirken. Eva Kleese meint dazu: „Ich glaub‘, wir kommen erst dazu, uns wieder wirklich nur auf die Musik zu konzentrieren, wenn wir uns von diesen Bildern befreien“.

Was muss passieren, damit sich das Rollenbild auch an den Drums ändert?

Solange die Gesellschaft Eigenschaften und/oder Hobbys einem bestimmten Geschlecht zuordnet, wird die Frau am Schlagzeug nicht zur Normalität. „Wenn immer gesagt wird, ‚das ist nicht männlich/weiblich, das kann ich nicht machen‘, schränkt uns das alle nur ein und bringt niemandem einen Vorteil“, erläutert die Professorin. Ihr zufolge ist es das Wichtigste, die Köpfe der Menschen von bestehenden Bildern zu befreien, so dass neue geschaffen werden können. Solche, die eben abseits von Rollen-Klischees sind. Um junge Musikerinnen zu fördern, werden immer mehr Workshops veranstaltet, die explizit Frauen an Instrumente, wie beispielsweise das Schlagzeug, heranführen sollen. „Junge Musikerinnen fanden es cool, das erstmal unter sich auszuprobieren. Das hat immer viele Früchte getragen“, erklärt Eva Kleese.  Außerdem überlegt sie, ob es nicht manchmal phasenweise sinnvoll wäre, den Musikunterricht an Schulen nach Geschlechtern zu trennen, wie es im Sport hier und da der Fall ist. Vielleicht, so Eva, fänden junge Mädchen dann mehr Mut, etwas auszuprobieren. Klar ist: Instrumentalistinnen befinden sich im Aufschwung. Dennoch: Es ist noch eine Menge Arbeit zu tun, bis Schlagzeugerinnen keine Paradiesvögel mehr sind, sondern einfach nur Musikerinnen.

(Foto: Pressefoto/Gerhard Richter)

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