- langeleine.de – Das Online-Journal für Hannover - http://www.langeleine.de -

Schreibtisch-Musik macht Home Office

Wer im November nicht auf Live-Musik verzichten möchte, wird entweder selbst zum Instrument greifen oder mit digitalen Formaten vorlieb nehmen. Beispielsweise mit dem Video-Podcast „Tiny Desk Concerts“

Ein seltenes Bild: Bob Boilen an seinem berühmten Schreibtisch sitzend und keine Musiker in Sicht

Radio ist bekanntlich schon seit längerem ein totes Medium, spätestens, seit das Musik-Fernsehen um die Ecke kam. Doch so wirklich Notiz vom eigenen Ableben nahm der Hörfunk irgendwie nie und das Aufkommen des Internets verhieß dann auch nicht den endgültigen Todesstoß, sondern barg stattdessen neue Möglichkeiten. Und so genießt das Radio, trotz Streaming-Portalen und zahlreichen Podcasts, auch im digitalen Zeitalter einen hohen Stellenwert. Für nicht wenige ist das Radio weiterhin erste Anlaufstelle, um neue Musik zu entdecken. Mag der innere Musik-Nerd ob dieser Tatsache erstmal genervt aufstöhnen – läuft im Radio doch immer bloß das neueste, flachste Pop-Gedudel, seit einiger Zeit dazu mit einem ungesunden Autotune-Guss überzogen –, ist das Radio jedoch als Quelle für neue und eben auch gute Musik nicht zu unterschätzen.

Sicherlich, die üblichen Charts-Radios mit ihren Top-Hits der „80er, 90er und das Beste von heute“ können dafür links liegen gelassen werden, doch abseits der großen Stationen, die sich vom Namen, aber nicht von der Musik-Auswahl her unterscheiden, gab es schon immer interessante Alternativen zu entdecken – durch das Internet wurde ein noch viel leichterer Zugang möglich, denn, ein Streaming-Angebot vorausgesetzt, lässt sich inzwischen jeder noch so kleiner Radiosender auch am anderen Ende der Welt hören. Einer, der gute Musik schon unter das Volk brachte, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte und das World Wide Web ein bloßes Science-Fiction-Hirngespinst war, war John Peel, Moderator und DJ bei der BBC. Seine „Peel Sessions“, Live-Mitschnitte aus dem Studio, dienten vielen jungen Bands und Künstlern wie David Bowie, Joe Cocker, The Cure oder The Smiths als Karriere-Sprungbrett. Zwischen 1967 und Peels Tod 2004 lud er über 2.000 Künstler*innen zu ungefähr 4.400 Sessions ein – davon verfielen allein 24 Aufnahmen auf seine Lieblingsband The Fall.

Obwohl Peel das Format der Studio-Live-Mitschnitte nicht selbst erfand und auch „nur“ als Host fungierte, haben die „Peel Sessions“ längst Legenden-Status in der alternativen Musikwelt erreicht, und es ist daher wenig verwunderlich, dass bei ähnlichen Formaten irgendwie auch immer der Geist Peels mitschwebt. Das Internet bietet dem Hörfunk nicht nur mehr Möglichkeiten als die analoge Welt, es sorgt dadurch aber auch für eine gewisse Unübersichtlichkeit – und stellenweise ebenso für Beliebigkeit. Was vorher als obskure B-Seite auf einer limitierten Single auf einem obskuren Flohmarkt entdeckt wurde, findet sich heute kinderleicht bei Spotify, iTunes oder Amazon. Und auch das Angebot an musikalischen Formaten im digitalen Raum scheint nahezu endlos. Doch gibt es zwischen dem ganzen Einerlei immer wieder einige Perlen zu entdecken, wie etwa den Video-Podcast „Tiny Desk Concerts“ des US-amerikanischen Hörfunknetzwerks NPR.

Die Idee zu den „Tiny Desk Concerts“ entstand aus einem Zufall: Bei einem Bar-Konzert der Musikerin Laura Gibson war aufgrund des Lärmpegels für Bob Boilen und Stephen Thompson, Moderator bezeihungsweise Redakteur bei NPR, wenig von der Musikerin zu verstehen. Thompsons ironische Bemerkung, sie solle lieber bei ihm im Büro spielen, nahm Gibson beim Wort und kam kurz darauf beim Sender vorbei, als Auftrittsort fiel die Wahl dann auf Boilens Schreibtisch. Auf das Nötigste reduziert, wurde das aus fünf Songs bestehende Set [1] aufgenommen. Das war 2008, schnell wurde aus der spontanen Idee eine ganze Video-Podcast-Reihe, die sich zwölf Jahre später großer Beliebtheit erfreut.

Ist die Video-Auflösung (360p) der ersten Gigs noch als „charmant“ zu bezeichnen, hat sich diese schon lange dem HD-Standard angepasst, ansonsten wird absichtlich auf eine aufwändige Produktion verzichtet. Wenig Equipment, keine PA-Anlage, die Musik häufig akustisch und in reduzierter Version, die Aufnahmen möglichst unterbrechungsfrei und mit einigen wenigen Hand-Kameras eingefangen, das Publikum besteht aus NPR-Mitarbeitern. Was ebenfalls den Charme ausmacht, ist die abwechslungsreiche Musik-Auswahl, die von musikalischen Schwergewichten wie Coldplay [2], Taylor Swift [3] oder Alicia Keys [4] hin zu Indie-Koryphäen wie The National [5] oder Cat Power [6] bis zu Hip-Hop von Saul Williams [7] oder dem Wu-Tang Clan [8] und Jazz wie Christian Scott aTunde Adjuah [9] reicht. Und zwischen den größeren Namen gibt es immer wieder Unbekannteres und Newcomer wie Andrew Bird [10], Thao Ngyuen [11], Wolf Alice [12] oder Julien Baker [13] zu entdecken.

Ebenfalls charakteristisch für die „Tiny Desk Concerts“ ist der namensgebende Schreibtisch Boilens als Aufnahmeort, der, bis auf einen Umzug des NPR-Hauptquartiers vor einigen Jahren, in der Regel immer gleich bleibt. Die Schallplatten, Bücher und anderes Sammelsurium im Hintergrund geben dem Büro-Platz die Atmosphäre eines verschrobenen Bücher- oder Plattenladens, was irgendwie auch gar nicht so falsch ist. Mit dem Corona-Virus begaben sich die „Tiny Desk Concerts“ ebenfalls in Quarantäne, statt im NPR-Büro finden die Konzerte nun an den von Musiker*innen gewählten Orten statt. Das ist erstmal ungewohnt, besitzt in den meisten Fällen aber weiterhin seinen Charme. Während Lianne La Havas [13] sich alleine nur mit Akustikgitarre vor die Webcam setzt, begeben sich Bright Eyes [14] für ihren Auftritt lieber ins Studio. Die bezaubernst-trashigste Wahl von allen machte aber vermutlich die fabulöse Phoebe Bridgers [15], die via Green Screen kurzerhand das Oval Office in Beschlag nahm.

Die Anzahl von Peels Sessions hat „Tiny Desk Concerts“ zwar noch nicht erreicht, die hier genannten Mitschnitte geben allerdings nur einen kleinen Einblick wieder, denn inzwischen kommt der Video-Podcast auf über 1080 Episoden. Eine übersichtliche Auflistung aller Konzerte findet sich bei Wikipedia [16], die Konzerte können auf der NPR-Website [17] oder YouTube [18] angesehen werden.

Freitag, 13. November 2020:
„Tiny Desk Concerts“, zu finden auf der NPR-Website [17] oder bei YouTube [18]

(Foto: Selena N. B. H./Wikipedia/CC BY-SA 2.0 [19])

[20]
Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed [21]!