Sebastian Albrecht
23. November 2020

Musikalische Bibliothek

Und noch mehr Live-Musik: Seit 2009 bietet Arte Concert ein umfassendes Angebot an Live-Streams und Konzerten aus verschiedensten Genres, aber auch anderen Bühnenkünsten wie Oper oder Tanz

Macht als musikalisches Genie sowohl am als auch auf dem Piano eine gute Figur: der gebürtige Kanadier Chilly Gonzales

Macht als musikalisches Genie sowohl am als auch auf dem Piano eine gute Figur: Chilly Gonzales

Trotz im November geschlossener Kultureinrichtungen einen Film zu schauen oder Musik zu hören, fühlt sich gar nicht so unbedingt merkwürdig an – zu allgegenwärtig sind Streaming-Angebote inzwischen, und auch, wer sich ganz altmodisch diesem neuen Firlefanz verweigert, wird stattdessen auch vor Corona schon DVDs oder Fernsehen gesehen und CDs, Schallplatten oder Radio gehört haben. Gleiches gilt für den Griff zum Buch: Die meisten von uns bevorzugen vermutlich Stille und wenig bis gar keine Gesellschaft, wenn sie den Buchdeckel aufschlagen. Dennoch fehlt dieses Jahr und besonders diesen Monat etwas, denn ob Kunst allein oder mit anderen zusammen rezipiert wird, macht natürlich einen Unterschied. Wer nicht besonders umsichtige Mitbewohner*innen, Freund*innen oder Familie hat, die das Kultur-außerhalb-der-eigenen-vier-Wände-Gefühl simulieren, wird sicherlich nicht erst diesen Monat bemerkt haben, wie sehr er das aus einer der hinteren Reihen in den Nacken geworfene Popcorn, die schwitzigen Körper um einen herum, die Ellbogen in der Nierengegend, die klebrigen Sitze, die Diskussionen über abstrakte Kunst – „Also, das kann ich auch selber!“ – und vieles mehr vermisst hat.

Für jeden etwas dabei: Arte Concert

Die schlechte Nachricht zuerst: Wer diese umsichtigen Mitmenschen nicht hat, bei dem wird sich dieses Gefühl wohl auch nicht einstellen, wenn er sich durch Live-Aufnahmen von Konzerten klickt. Den Zwei-Meter-Besucher, der nicht nur die Sicht auf die Bühne versperrt, sondern noch dazu gedankenversunken auf fremden Füßen tanzt, den Geruch von Schweiß und verbotener Zigaretten kann ein Mitschnitt leider, leider noch nicht ersetzen. Und doch, ein Live-Mitschnitt ist dann nochmal etwas anderes „als wie auf Platte“. Ein wirklich umfassendes Angebot bietet hier Arte Concert, das neben Live-Streams und aktuelleren Mitschnitten auch immer wieder den einen oder anderen Konzertklassiker in der Mediathek hat, aber auch verschiedene anderen Bühnenkunstformen wie Tanz oder Oper. Und auch genre-technisch wird fast alles abgedeckt: Es besteht die Auswahl aus den Bereichen „Klassik“, „Jazz“, „Oper“, „Pop & Rock“, „Metal“, „Electronic“, „HipHop“, „Weltmusik“ und „Bühnen-Performance“. Seit neuestem gibt es auch noch die Rubrik „Barockmusik“.

Auch auf die Pandemie hat Arte Concert reagiert: Neben zahlreichen Live-Streams von Konzerten gibt es unter anderem auch die Aktion „United We Stream“, bei der Live-Sets aus verschiedenen Clubs gezeigt werden, um zumindest ein bisschen Club-Atmosphäre aufkommen zu lassen und um Künstler*innen, Veranstalter*innen und Clubs zu unterstützen, die wegen der Pandemie gerade nicht öffnen oder auftreten können. Bei dem Format „Allein im Museum“ öffnen hingegen Museen ihre geschlossenen Pforten und geben eine ganz persönliche Führung durch ihre Ausstellungen.

Genie aus Kanada

Und auch sonst gibt es genug für mindestens zwei Pandemien zu entdecken, was spezielle Empfehlungen eigentlich fast schon obsolet macht. Eigentlich. Denn eine kleine soll an dieser Stelle dennoch ausgesprochen werden – oder vielmehr eine große: Die Rede ist von Chilly Gonzales. Wird häufig leichtfertig mit dem Begriff „Genie“ um sich geworfen, hat er bei Gonzales seine unumstrittene und absolute Berechtigung. Sowohl in klassischer Musik als auch im Jazz ausgebildet, ist Chilly Gonzales nicht nur ein grandioser Pianist, sondern dazu in der Pop-Musik mit einer beneidenswerten Leichtigkeit bewandert, analysiert für 1 Live den Erfolg moderner Popsongs, erklärt musikalische Finessen wie die Bach-Technique und hat außerdem die inoffizielle Hymne Europas geschrieben. Nebenbei weiß Gonzales, dass Bademantel und Pantoffeln stylisch noch jeden Anzug und jede Art von Designer-Schuhen mühelos schlagen.

Gleich zwei Beiträge von Chilly Gonzales finden sich bei Arte Concert. Da wäre zum einen sein Auftritt beim diesjährigen mœrs festival 2020, der nicht nur zeigt, dass Chilly Gonzales den Titel „musikalisches Genie“ völlig zu Recht trägt, sondern gleichzeitig seine Entertainer-Qualitäten unterstreicht. Aber der zweite Beitrag ist fast schon der interessantere: Anfang Oktober wurde bei Kiepenheuer & Witsch der zehnte Band der KiWi-Musikbibliothek veröffentlicht, bei der Autor*innen über Musiker*innen oder Bands schreiben, deren Musik ihnen besonders am Herzen liegt. Gonzales‘ Wahl ist sicherlich überraschend, hat er sich doch für Enya entschieden, die den meisten wegen ihres Songs „Only Time“ bekannt sein dürfte, der 2001 regelmäßig die Bilder von 9/11 unterlegte. Nicht selten als New-Age-Eso-Mucke verschrien, besitzt Enya keinen hohen Coolness-Faktor – warum also suchte sich Gonzales unbedingt Enya aus? Sein Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse klärt auf und thematisiert gleich noch das Konzept von Guilty Pleasure: Sollten wir unseren Musik-Geschmack wirklich vom Faktor, ob etwas „cool“ ist oder nicht, leiten lassen?

Montag, 23. November 2020:
Arte Concert, Mediathek mit zahlreichen Konzert- und Bühnen-Mitschnitten sowie Live-Streams

(Foto: Neil H/NeilGHamilton/Wikipedia/CC BY-SA 2.0)

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Kategorien: Medien, Musik, Tagestipps

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