Sebastian Albrecht
16. November 2020

Rechtsextremistischer Fight Club

Im Live-Stream des Literarischen Salons ist heute Abend Robert Claus mit seinem Buch „Ihr Kampf. Die extreme Rechte in Europa bereitet sich vor“ zu Gast

Robert Claus und sein Buch: Ihr Kampf. Die extreme Rechte in Europa bereit sich vor

Setzt sich in seinem Buch mit der europäischen Neonazi-Szene und derem wachsenden Kampfsport-Netzwerk auseinander: Robert Claus

Als am 3. November in den USA der neue Präsident gewählt wurde, verfolgten nicht nur Menschen in den Vereinigten Staaten, sondern weltweit den Ausgang des Wahlkampfs. Wer sich in Europa nicht die Nacht um die Ohren schlagen wollte, wurde am nächsten Morgen jedoch enttäuscht: Ob nun Amtsinhaber Donald Trump oder Herausforderer Joe Biden die Wahl gewonnen hatte, stand noch nicht fest. Bedingt durch das US-amerikanische Wahlsystem entwickelte sich, zumindest für kurze Zeit, das, was viele Medien als einen „Wahl-Krimi“ titulierten, bevor sich dann abzeichnete, dass Joe Biden die Wahl wohl gewinnen würde. Vier Tage später war diese Vermutung Gewissheit. Für nicht wenige kam diese Wahl einer Erleichterung gleich, selbst wenn sich ihre Begeisterung für Biden in Grenzen hielt: Endlich, nach vier langen Jahren, war ein Ende von Donald Trump im Weißen Haus abzusehen. Im Januar wird er es verlassen müssen und Joe Biden stattdessen einziehen. Ab dann ist Joe Biden nächster Präsident der USA. Alles gut also?

Der unterlegende Kandidat der Wahl, so der normale Ablauf, gratuliert seinem Konkurrenten zum Sieg und macht diesen damit „offiziell“. Gratuliert hat Donald Trump zwar irgendwie, aber nur sich selbst: Bevor ein Großteil der Stimmen ausgezählt worden war, erklärte er sich zum Sieger der Wahl und forderte via Twitter: „STOP THE COUNT!“ Das Trump nun Trump-Dinge tut, dürfte nicht überraschend kommen, hatte er doch nicht nur bei dieser Wahl im Vorfeld angekündigt, das Wahl-Ergebnis nicht anzuerkennen, falls es ihm nicht passe, sondern auch schon 2016, als er gegen Hillary Clinton antrat – und ins Weiße Haus einzog. Und auch mehr als eine Woche nach der aktuellen Wahl strickt Trump weiter am Mythos, Biden habe nur durch Betrug gewinnen können. Ob die Amtsübergabe reibungslos über die Bühne gehen wird, ist bei Trumps Verhalten und den derzeitigen Demonstrationen seiner Anhänger in der Hauptstadt Washington D.C. zumindest nicht zu hundert Prozent sicher. So oder so, the damage is done. Denn Trump mag der Clown sein, für den ihn viele noch halten, aber er ist eben auch mehr als das, und sein Geist wird sich nach den vier Jahren nicht einfach wieder verflüchtigen, bloß weil das Weiße Haus einmal kräftig durchgelüftet wird. Warum der „Trumpismus“ nicht einfach so verschwinden wird, hat die Historikerin und Journalistin Annika Brockschmidt auf Zeit online in einem lesenswerten Artikel beschrieben.

So wie immer behauptet wurde und noch wird, selbst Donald Trump könne eine so lange Demokratie nicht beschädigen, so wird, nicht nur bei diesem Thema, gerne süffisant mit dem Finger auf Amerika gezeigt: Jenseits des Atlantiks ticken die Menschen eben etwas anders, in Europa respektive hier kann so etwas aber nicht passieren. Während hierzulande noch erleichtert ausgeatmet wird, weil die Vernunft endlich wieder ins Weiße Haus einkehrt, wird aber nicht nur ausgeblendet, dass der Faschismus in den USA durchaus lebendig ist, sondern eben auch direkt vor unserer Haustür, in Deutschland, in der EU, in Europa. Und er sich schon lange nicht mehr scheut, sich offen zu zeigen und zu profilieren – sofern er sich überhaupt je scheute. Er zieht in Parlamente ein, sitzt in Talkshows, publiziert eigene Medien und hat auch keine Berührungsängste vor den Neuerungen wie den Sozialen Netzwerken.

Aber nicht nur dort, wie auch der Autor Robert Claus in seinem Buch „Ihr Kampf. Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert“ beschreibt. Der Glatzen-Nazi mit Bomberjacke, Springerstiefel und Baseball-Schläger ist zwar nicht gänzlich ausgestorben, die Zeiten, als er noch repräsentativ für die rechtsextreme Szene stand, sind jedoch längst vorbei. Auch Nazis gehen mit der Zeit und passen sich an: Ihr Style ist ein anderer, sie sind europaweit gut vernetzt und aktiv. Auch im Sport, ob in der Hooligan-Szene oder im Kampfsport, wie Claus zeigt. Sie trainieren für den Tag X, den Tag des politischen Umsturzes, und ziehen dafür professionelle „Fight Nights“ auf, bei der die Szene, bestehend aus Neonazis, Hooligans, Rechtsrock-Bands und Security-Leuten, zusammenkommt, um sich darauf vorzubereiten. Für das Projekt „VOLLKONTAKT“, das für Demokratie und Kampfsport steht, hat Claus mehrere dieser Veranstaltungen besucht und gibt mit seinem Buch einen spannenden und informativen, aber auch beunruhigenden Einblick. Heute Abend ist Robert Claus im Literarischen Salon zu Gast – wegen der Corona-Pandemie ist sein Auftritt aber nur als Live-Stream zu sehen.

Montag, 16. November 2020:
„Ihr Kampf. Die extreme Rechte in Europa bereitet sich vor“, Gespräch mit Robert Claus, Live-Stream, Beginn: 20 Uhr

(Foto: Pressefoto/Literarischer Salon/Christoph Löffler)

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Kategorien: Politik, Sports, Tagestipps

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