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Existenzphilosophie nach Händel

Real geschlossen, aber immerhin online zu sehen: Die Staatsoper präsentiert Händels Oratorium „Trionfo – Vier letzte Nächte“ derzeit im Live-Stream

Ein Oratorium für unsere Zeit: Elisabeth Stöpplers Inszenierung „Trionfo – Vier letzte Nächte“

Es war die erste große Opern-Premiere der Corona-Zeit: „Trionfo – Vier letzte Nächte“ nach Händel. Was wurde geklatscht und gefeiert! Ich kenne wirklich viele eingefleischte Opern-Fans, die sich während des ersten Lockdowns nichts sehnlicher gewünscht haben, als endlich wieder in den bequemen Sitzen der Staatsoper Hannover Platz zu nehmen. Die Freude war groß und von Elisabeth Stöpplers Inszenierung des Händel-Oratoriums war man durch die Bank weg begeistert. Denn es passte einfach so gut in diese Zeit.

Vier Menschen stehen im Zentrum des Geschehens. Vier Menschen, die sich nach Hoffnung, nach Antworten sehnen in diesen dunklen Zeiten. Sie stellen sich die großen Fragen, die bereits seit Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden von der Philosophie behandelt werden: Was ist Leben? Wer bin ich und was kann ich sein? Was erfüllt mich und was gibt meinem Leben einen Sinn? Existenzphilosophie pur und das im aufregenden 18. Jahrhundert. Das Jahrhundert des Umbruchs.

Es sind solche Inszenierungen, die zeigen, dass Kultur einen Mehrwert hat, der kaum mit Geld aufzuwiegen ist. Es ist die Kunst, die uns zum Grübeln, zum Nachdenken bringt, die uns inspiriert und hilft, die richtigen Fragen zu stellen. Sie zwingt uns zur Reflexion, wenn wir es denn zulassen. Und Händels „Trionfo“ fragt klar danach, ob wir uns im Leben eigentlich verändern können. Für mich persönlich eine der Hauptfragen, die uns auch die Pandemie stellt. Können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren? Wieder näher zueinanderrücken? Oder müssen wir unsere Egos weiter aufblasen, damit wir bloß nicht von unserem selbstgebauten Thron gestoßen werden? Wie wollen wir künftig arbeiten und wie uns den Krisen stellen? Zum Beispiel der Klima-Krise? Oder dem anhaltenden Rassismus? Geht es immer nur um das Ich? Oder ist das alles vielleicht nur ein Schutz-Mechanismus, damit wir nicht mit der eigenen Unzufriedenheit, Leere und Einsamkeit konfrontiert werden? Und wenn ja, wie können wir damit dann künftig besser umgehen?

Die Staatsoper Hannover ist wie alle anderen kulturellen Schauplätze derzeit noch geschlossen. An den großen Fragen und Gedanken möchte das Team rund um Elisabeth Stöppler dennoch Menschen teilhaben lassen. Deswegen könnt ihr Euch Händels „Trionfo“ auch ganz bequem nach Hause holen und zwar im direkten Stream [1]. Das ist natürlich nicht ganz dasselbe, aber lasst uns einfach hoffen, dass sich das ganz bald ändern wird. Vielleicht auch mit ein paar neuen Ansätzen für uns selbst. Und wundert Euch nicht, wenn ihr zu Beginn des Streams erst einmal nur in einen schwarzen Abgrund schaut. Nach exakt 2 Minuten und 22 Sekunden beginnt die Vorstellung.

Dienstag, 24. November 2020:
„Trionfo – Vier letzte Nächte“, Inszenierung von Elisabeth Stöppler, Stream [1], Beginn jederzeit möglich, Eintritt frei, um Spenden wird gebeten

(Foto: Pressefoto/Staatsoper Hannover/Sandra Then)

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