Matthias Rohl
28. September 2010

Filmgeschichte(n): „Saw“, „Hostel“, „Antichrist“ und Co.

Die Transzendenz des Angstlust-Kinos: über „Torture Porn“ und andere Perversionen

Wien, Berggasse 19, Oktober 1907. Sigmund Freud, neben Franz Kafka der wirkungsmächtigste deutschsprachige Schriftsteller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, empfängt in seiner Praxis einen jungen Mann, der ihm von beklemmenden Zwangsvorstellungen berichtet. Freud, Pionier und Begründer der modernen Psychoanalyse, ist sofort fasziniert von diesem Mann, der auf höchst unterhaltsame und scharfsinnige Weise über seine morbiden Phantasien und perversen Impulse zu berichten weiß: Menschen töten, sich selbst mit einem Rasiermesser die Kehle durchschneiden – nicht zuletzt beeindruckt Freud die Wucht der geschilderten sexuellen Obsessionen seines Patienten. Die legendäre zwangsneurotische Krankengeschichte des jüdischen Rechtsanwalts Ernst Lanzer ist als „Rattenmann“ in die Literaturgeschichte eingegangen.

“Antichrist”, Filmszene

Psychoanalytisch operierendes Mysterienspiel: Lars von Triers „Antichrist“, Szenenfoto

Das Schlüsselereignis, welches Lanzer in die Praxis Sigmund Freuds geführt hatte, soll eine tiefe Erschütterung seines Seelenlebens gewesen sein, als ihm ein Hauptmann bei einer Waffenübung eine schaurige Folterszene beschrieben habe: Im Orient schnalle man Gefangene mit blankem Gesäß auf einen Topf, in dem eine Ratte, durch einen heißen Metallstab angestachelt, sich in den Darm des Gefangenen vorfresse und dort an den Blutungen ersticke – während das Folteropfer an den Darm-Blutungen sterbe. Diese extreme Fallgeschichte gilt bis heute nicht nur als exemplarische Zwangsneurose, sondern darüber hinaus als einzig gelungene Therapie des Psycho-Pioniers Freud. Es lohnt sich, Freud wiederzulesen. Denn mit dieser kulturhistorischen Erfahrung im Rücken kann man einen experimentellen Blick auf die „Torture-Porn-Movies“ der Gegenwart werfen.

Terrorkino, Folterhöllen, Körperhorror

Mit einem weltweiten Einspielergebnis von etwa 100-Millionen-Dollar dürfen „Saw (2004)“ und „Hostel (2005)“ als zwei der größten kinematographischen Franchise-Erfolge der letzten Jahre betrachtet werden. Dabei folgt das Strickmuster dieser kommerzialisierten Folterhöllen einem meist dünnen Handlungsfaden: Der Zuschauer nimmt Teil an einer Spurensuche nach blutrünstigen Killern, deren bestialische Taten in Splatter-Parallel-Montage in allen nur erdenklich unappetitlichen Details kulinarisch inszeniert werden – amputierte Zehen, aufgeschlitzte Bäuche, durchbohrte Gliedmaßen und ausgestochene Augen inklusive. In seinem erfrischend unverkrampften Essay zum „Terrorkino“ hat der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger eine instruktive Analyse des „Torture Porn“ vorgelegt – einem weltweiten Kampfbegriff einer meist konservativen Presse, die hiermit ihrem gesteigerten Zensurbedürfnis Ausdruck verleiht. Meist sind weitere hybride Ableger nicht fern: „Gewaltvideo“, „Killerspiele“ und so weiter. Der selten erklärungskräftige, indes kulturkritisch durchtränkte Generalverdacht: Im Geiste der Habitualiserungsthese gilt diesem Kritikerlager medial inszenierte Gewalt als schleichendes Gift, das den Zuschauer in letzter Konsequenz zur Nachahmung stimuliert. Deshalb die oft mehr beschworene als reflektierte Parallele zum „Schund“ oder „Porno“. Fatal nur: Es gehört zu den tiefen Geheimnissen einer massenmedialen Erregungskultur, dass sich die Jammerathleten und Untergangseuphoriker mit „Moral“ gegen die Zumutungen ihres eigenen Nichtwissens immunisieren, weil die moralisch „bessere“ Meinung sich mit ihren eigenen Argumenten bestätigen kann.

“Saw 4″, Filmposter

Jenseits aller gängigen Moralvorstellungen: Filmposter zum Kinoschocker „Saw 4“

Marcus Stiglegger hingegen zeigt ideenreich und unideologisch, wie das Unheimliche, Monströse, Grausame zur beunruhigenden Konstante der Kinogeschichte avancieren konnte. Seine kinematographische Spurenlese führt ihn vom pornographischen Underground der „wilden“ Siebziger Jahre bis zum vorläufigen transzendenten Endpunkt des Autorenfilms der Gegenwart: Man denke hier etwa an an den Körperhorror in „Antichrist“ (2009), Lars von Triers skandalumwittertem, „psychoanalytisch operierendem Mysterienspiel“, das bei seiner Uraufführung in Cannes, nicht zuletzt wegen seiner drastischen Genitalverstümmelungen in unerbittlichen Großaufnahmen, heftige Reaktionen freisetzte. Stigleggers Fazit: „Angst, Ekel und Grauen bleiben die elementaren Empfindungen, die das Terrorkino weckt, und ohne eine Einfühlung in die Situation des Opfers lassen sich diese Gefühle kaum kultivieren. Von daher kann von Abstumpfung des Publikums im Terrorkino kaum die Rede sein, vielmehr scheinen dem kommerziellen Zuspruch gemäß mehr Zuschauerinnen und Zuschauer denn je den Kitzel jener Attacke auf die Intimität des versehrbaren Körpers zu ersehnen. Es ist ein mitunter masochistisches Vergnügen an der Verfallsästhetik, das der Terrorfilm entfaltet.“

Die Ästhetik des Bösen als Grausamkeitsluxus

Zieht man die Entfaltung des Bösen in der Literaturgeschichte der Moderne ins Kalkül der Betrachtung, fällt auf, dass der „bildvermittelte Grausamkeitsluxus der Gegenwartskultur“ (Peter Sloterdijk) auf Quellen und Habitusmuster hinweist, die weit in die europäische Kulturgeschichte zurückreichen. Um 1800 ereignete sich nicht weniger als die programmatische Abkopplung der Kunst – und besonders der Literatur – von den Direktiven der Moralität. In seiner Studie zur „Ästhetik des Bösen“ zeigt Peter-André Alt, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin, wie im breiten Spektrum der europäischen Literatur – von Goethe und Baudelaire über Shelley und Stoker bis zu Freud, Kafka, Littell und Ellis – an den Platz einer zweiwertigen Logik von Gut und Böse neue Leitbegriffe treten. Das Böse gewinnt jetzt seine Kontur in völlig neuartigen komplexen Arrangements: „Trieb, Monotonie, Langeweile, Ekel, Aggression, Ich-Spaltung, Selbstliebe und Selbsthaß“, so Alt, „positionieren sich ab 1800 in der neuen Wissenschaft vom Menschen als Nachbarkategorien des Bösen“.

Sigmund Freud

Seelenforscher mit Faszination für Zwangsvorstellungen: Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, raucht eine Zigarre

Im Blick auf bizarre Exzesse der Gegenwart – die Folterskandale von Abu-Ghuarib und Guantánamo, die Taten des pädophilen Täters Marc Dutroux, die Gefangenschaft von Natascha Kampusch und der Fritzl-Familie sowie der „Kannibale von Rotenburg“ – lässt sich eine ungeheure Faszination des Grauens in der medialen Öffentlichkeit unschwer verkennen. Nicht nur die Psychoanalyse, die Literatur und das Kino – auch die Erregungsprogramme der Massenmedien zielen inzwischen auf die Bestimmung bisher nicht gekannter Exklaven des Bösen „im Raum des Amoralischen, Abseitigen, Ekelhaften, Häßlichen, Perversen und Kranken“ (Alt). In diesem Licht betrachtet, erweist sich das Angstlust- und Terrorkino der Gegenwart nicht mehr als Bedrohung von außen (Vampire, Zombies, Aliens). Im Gegenteil: Es ist die „Bestie Mensch“ selbst, die in den Fokus des Grausamkeitsluxus rückt. Von hier aus ist es nicht mehr weit zu Stigleggers höchst beunruhigendem Befund, die voranschreitende Virtualisierung des Alltagslebens in den westlichen Industrienationen habe eine weitgehende Entfremdung vom eigenen Körper eingeleitet, der im „Torture Porn“ symbolisch zurückerobert wird. „Es geht hier“, so der Filmwissenschaftler, „um ein verlorenes Körperbewusstsein, das in der Angst-, Schmerz- und Todeserfahrung zurückgewonnen wird.“ Somit leistet dieses Subgenre mit unerbittlicher Konsequenz in drastischen Inszenierungen einen Beitrag zum Metadiskurs über die Blickregime der voyeuristischen Erwartungen und Sensationsneugier der Zuschauer. Man möchte nicht glauben, dass es so sein könnte, doch die Indizien sprechen für sich.

nächste Folge:
„Chiko“
Scarface am Mümmelmannsberg: In seinem Regiedebüt erzählt Özgür Yildirim vom Aufstieg und Fall eines deutsch-türkischen Drogendealers

(Foto Freud: Max Halberstadt)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Film

Kommentiere diesen Artikel