Sebastian Albrecht
14. Dezember 2020

Not lost in translation

Im Literarischen Salon sind heute Ursula Gräfe und Claudia Ott zu Gast, um über eine häufig unterschätzte Kunst zu sprechen: „Literarische Übersetzungen. Brückenbau im Spiel der Sprachen“

Die Übersetzerinnen Ursula Gräfe und Claudia Ott

Meisterinnen ihres Faches: die Übersetzerinnen Ursula Gräfe und Claudia Ott

Manche Fragen haben das Potenzial, selbst beste Freund*innen oder die Familie zu entzweien: Rosenkohl, ja oder nein? Bei der Wahl zum Vogel des Jahres für die Stadt-Taube abstimmen oder doch lieber für den Goldregenpfeifer? Kartoffelsalat mit Würstchen oder Rotkohl mit Ente zu Weihnachten? Marvel oder DC? Hund oder Katze? Süßes oder salziges Popcorn? Und auch die Frage nach der richtigen Übersetzung kann zu hitzigen Diskussionen und zerrissenen Tischtüchern führen, was nur auf den ersten Blick überraschend sein dürfte. Bei geschätzten 7.000 Sprachen, die es weltweit gibt – Dialekte und tote, nicht mehr verwendete Sprachen nicht eingerechnet -, wird es selbst den sprachbegabtesten Menschen schwerfallen, auch nur ansatzweise einen zweistelligen Prozentsatz davon zu erlernen. Dennoch kann man in vielen Ländern trotz Globalisierung durchaus noch ohne Fremdsprache durchs Leben kommen – auch dank Übersetzern, die zum Beispiel fremdsprachige Bücher und Filme in die eigene Sprache übersetzen.

Doch hier fängt die Problematik schon an: Was macht eine gute Übersetzung aus? Und wie geht man mit den Eigenheiten einer Sprache um, die es in der anderen so nicht gibt? 1:1-Übersetzungen wie „There have we the salad“ oder „That makes me foxdevilswild“ mögen in Kartenform an WG-Kühlschränken oder als Bild in WhatsApp-Gruppen erheitern, in einer ernsthaften Übersetzung wird, sofern möglich, jedoch auf eine passende Entsprechung zurückgegriffen werden. Wie soll mit einem Witz umgegangen werden, der seine Pointe in einer anderen Sprache verliert? Stumpf übersetzen und auf die Pointe verzichten? Wörtlich übersetzen und die Erklärung in einer Fußnote? Einen ähnlichen Witz in der eigenen Sprache suchen? Und wie mit Gedichten umgehen, die in einer anderen Sprache ihre Reime, ihr Metrum, ihre Rhythmik verlieren?

Eine Übersetzung, die alle zufriedenstellt, scheint fast ein Ding der Unmöglichkeit, und jemand, der daran etwas auszusetzen hat, findet sich immer. Selbst Swetlana Geier, die als herausragende (Neu-)Übersetzerin von Dostojewskijs Werken ins Deutsche gilt, konnte nicht restlos jeden überzeugen. Dabei sollte jedoch nicht außer acht gelassen werden, dass Übersetzen eine Tätigkeit voller Fallstricke ist – und auch eine eigene Kunst. Denn nicht nur, dass neben der Sprache auch die Autor*innen eines Textes eine ganz eigene Melodie besitzten, der es gerecht zu werden gilt, kommen noch viele andere hin zu: So verbindet beispielsweise Stephen King, der von diversen Übersetzern ins Deutsche übersetzt wurde, seine Werke gerne miteinander und sei es nur, in dem er eine Figur oder ein Ereignis aus einer anderen Geschichte nebenbei erwähnt – doch nicht jeder seiner Verweise hat die Übertragung in die andere Sprache überlebt. Es mag zwar die hundertprozentig perfekte Übersetzung nicht geben, Übersetzungen, die diesem Ideal nahekommen, hingegen schon.

Aber nicht nur für das Englische, besonders für weniger verbreitete Fremdsprachen besitzen Übersetzungen einen unerlässlichen Wert, ohne die uns ein noch viel größerer Teil an weltweiter Kultur verborgen bliebe als ohnehin schon. Zu den Fremdsprachen, die sich in Deutschland inzwischen immer größerer Beliebtheit erfreuen, gehören Japanisch und Arabisch, beide sind aber noch weit davon entfernt, ähnlich verbreitet wie Französisch oder Spanisch, die hierzulande beliebtesten Fremdsprachen nach Englisch, zu sein. Im Literarischen Salon sind heute Abend mit Ursula Gräfe und Claudia Ott zwei Übersetzerinnen zu Gast, die Werke aus diesen beiden Sprachen ins Deutsche übertragen. Während Ott unter anderem „Tausendundeine Nacht“ neuübersetzt hat, zeigt sich Gräfe seit fast zwanzig Jahren vor allem für die Übersetzungen von Haruki Murakamis Büchern zuständig. Zusammen mit dem Salon-Moderator Matthias Vogel sprechen sie über die häufig unterschätzte Kunst des Übersetzens, die sowohl „Knochenarbeit“ (Gräfe) als auch Leidenschaft ist. Zu sehen ist das Gespräch im Live-Stream.

Montag, 14. Dezember 2020:
„Literarische Übersetzungen. Brückenbau im Spiel der Sprachen“, Gespräch mit Ursula Gräfe und Claudia Ott, Live-Stream, Beginn: 20 Uhr

(Foto: Pressefoto/Literarischer Salon/Fotofabrik, Edith Fritschi)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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